Wenn die Feder verstummt...

  • Seit mindestens zehn Jahren kamen die Briefe aus dem Schweizer Altenheim. Oft schmunzelten wir über die geprägten Stanioldeckelbildchen aus der Beschäftigungstherapie, die zur Verzierung aufgeklebt waren.


    Hulda war immer sehr ungeduldig und aufgeregt beim Schreiben. Deshalb fehlte in manchem Satz schon mal ein Wort. Erstaunlich aber, wie sie bestimmte Dinge doch auf dem Schirm hatte, z. B. wenn sich der Geburtstag oder die Einschulung meiner Söhne jährte. Zur Geburt des Jüngsten schickte sie uns ein selbstgestricktes "Lätzli" in wunderschönen knallbunten Farben. Wir haben es gerührt nach der Brei- und Sabberzeit in die Erinnerungskiste auf dem Dachboden gelegt. Es muß die alte Dame viel Kraft gekostet haben, sowas Schönes zu handarbeiten!


    Es waren nie viele Briefe, vielleicht zu Ostern und zu Weihnachten einer, in anderen Jahren aber auch deutlich mehr. Damals etwa, als sie ihren 55jährigen Sohn an den Krebs verlor, und ich spürte, daß sie nun Zuspruch brauchte. Ihre Tochter wohnte in den Staaten und ihr Enkel hatte sie in den letzten Jahren nur einmal besuchen können - da mußte jemand dolmetschen, weil er nur englisch sprach...
    Zuletzt war sie auf einem Auge blind: Die Briefe kamen trotzdem, wir schrieben die Buchstaben etwas größer. Auf meine letzte Weihnachtspost bekam ich keine Antwort mehr. Ob sie nun völlig blind war?


    Dann erreichte mich das Vierteljahresheft und unter der Rubrik "Verstorbene Mitglieder" stand ihr Name: Hulda Straub.


    Ich suchte im Netz - und es gab tatsächlich eine Hauszeitung des Seniorenheimes: Am 18. November ist sie von uns gegangen, mit stolzen 95 Jahren. Da wußte ich, daß sie meine letzte Nachricht nicht mehr bekommen hat...


    Zu Hause blättere ich durch die dicke Mappe mit unserer Post, erlebe noch einmal die Höhen und Tiefen unserer Korrespondenz und erkenne so in der Zusammenschau erstmals auch eine Art roten Faden. Das hätte ich schon früher öfter mal tun sollen. Einiges hätte ich ihr jetzt noch gerne geschrieben.


    Ich werde die Mappe aufheben.


    Leb wohl, Hulda. Und: Danke!

    Ich habe eine feste Meinung - verwirrt mich nicht mit Tatsachen!