Politisch korrekte Sprache - wie damit umgehen?

  • Mich würde interessieren, wie man mit der Tatsache umgehen soll, daß es derzeit eine in meinen Augen sehr negative Sprachpolitik gibt, welche darauf abzielt, "diskriminierende" Begrifflichkeiten zu ersetzen. Ich persönlich stelle fest, daß das in letzter Zeit immer mehr wird, so gibt es etwa bereits keine Studenten mehr, sondern nur noch "Studierende".


    Dabei läßt sich feststellen, daß sich alles vor allem um zwei Hauptgruppen dreht:


    a) Geschlechter


    b) Kultur und Rasse


    Wieso man überall eine neutrale Form für Geschlechter haben will, erschließt sich mir nicht. Daß meist die männliche Form für beide Geschlechter verwendet wird, hat ja nichts mit Abwertung zu tun, sondern ist nunmal sprachlich so. Das Deutsche ist eben keine Plansprache. Andere Sprachen, etwa das Englische oder Russische sind da genauso wie das Deutsche veranlagt, es gibt nur für wenige Wörter spezielle weibliche Formen.
    Besonders amüsant sind hierbei Formen wie "ArbeiterInnen" oder "Arbeiter_innen", bei denen ich eigentlich keine Gleichstellung sehe, sondern lediglich eine Bevorzugung der weiblichen Form - oder wie will man "ArbeiterInnen" aussprechen? Die bishere Möglichkeit "Arbeiter/in" ist in meinen Augen ausreichend. Dennoch stelle ich fest, wie schnell diese neuen Formen sich durchsetzen. Da kommt etwa per Post die Nachricht, daß in der Wohnung der Stromverbrauch gemessen werden soll und selbst da spricht man von "MitarbeiterInnen" ...
    Auffällig ist dabei aber, daß ich noch nie Formen bei solchen Wörtern sah: Verbrecher, Krimineller, Vergewaltiger, Betrüger. Da liest man immer nur die männliche Form, da stört die Einseitigkeit offenbar keinen.
    Daß das ganze absolut künstlicher Natur ist, sieht bzw. hört man schon daran, daß die wenigstens das mündlich durchhalten - da wird trotz aller Bemühungen noch oft nur die männliche Form benutzt. Mehr muß dazu nicht gesagt werden.


    Ebenso unverständlich ist für mich, wieso Wörter wie "Neger", "Mohr", "Muselmanen" oder "Eskimo", die bisher völlig wertfrei waren, plötzlich diskriminierend sein sollen. Ich persönlich keines der Wörter negativ aufgefaßt, "Eskimo" war für mich eine einfache Volksgruppenbezeichnung, "Mohr" hatte für mich (vielleicht wegen Sarotti) sogar eher einen würdevollen Klang. "Neger" ist rein etymologisch auch nicht diskriminierend, sondern bezieht sich auf die Hautfarbe - unter dem Strich also kein Unterschied zu "Schwarzer", "Negrider" oder "Subsaharastämmiger".


    Jetzt ist daher meine Frage: Wie geht man als Sprachschützer/-liebhaber damit um?


    Ich persönlich verwende die verordneten Schreibweisen aus Prinzip nicht, aber würde ich manche der genannten Begriff unbefangen verwenden, wäre mein Ansehen doch sehr schnell im Keller. Da ich sie daher nicht verwende, unterstütze ich die Sprachverordnung allerdings, was ich nicht möchte. Schwer ...

  • An die vordiktierten angeblich politiſch korrekten Bezeichnungen halte ich mich überhaupt nicht, weder privat noch in der Öffentlichkeit (in der ich beruflich zu tun habe). Bis jetzt hatte ich deswegen noch nie Unannehmlichkeiten.


    Eine intereſſante Ergänzung zum Thema:


    Dem Neger geht es an den Kragen


    „Ich hänge geradezu mit Leidenʃchaft an der deutʃchen Schrift.“


    Peter Roʃegger, Schriftʃteller

  • Spontan fällt mir nur der Zusammenhang mit den Eskimo ein.
    Die Inuit, also die Grönländer, empfinden das Wort Eskimo als Beleidigung. Das muß man natürlich respektieren.
    Die Yupik, das sind die im Bereich der Aleuten, wollen nicht Inuit genannt werden. Sie sind keine und ihre Sprache kennt das Wort überhaupt nicht. Die wollen Eskimo genannt werden.


    Aber wehe, man sagt hier Eskimo. Einer, den das gar nichts angeht, belehrt einen gleich, daß das Inuit heißt.

    Die meisten Schriftsteller verstehen von der Literatur nicht mehr als die Vögel von der Ornithologie.
    Marcel Reich-Ranicki

  • Bleistift :


    Muß man das wirklich respektieren? Das Wort "Eskimo" hat in unserem Sprachraum ja keine negative Bedeutung. Das bei den Slawen verwendete Wort "nemek" für "Deutscher" ist ja, wenn man sich die Etymologie ansieht, auch nicht gerade eine großes Lob. Aber was stört mich das? Die Polen, Russen usw. verwenden den Begriff als normale Bezeichnung für einen Angehörigen eines Volkes. Ich als Deutscher fühle mich nicht beleidigt. Und ich bezweifle, daß unsere Nachbarn da sofort springen und "germanik" oder ähnliches erfinden würden, wenn die Bundesregierung sich darüber beklagt.



    @Graf Wonsky:


    Immer, wenn man denkt, schlimmer kann es nicht kommen ...

  • Das bei den Slawen verwendete Wort "nemek" für "Deutscher" ist ja, wenn man sich die Etymologie ansieht, auch nicht gerade eine großes Lob. Aber was stört mich das? Die Polen, Russen usw. verwenden den Begriff als normale Bezeichnung für einen Angehörigen eines Volkes.


    Werter Äs­the­ti­zist!


    Auf die Gefahr hin, dass es als wenig höflich gewertet werden kann, in einem Forum gleich mit einer Richtigstellung zu beginnen: so kann ich das, nicht zuletzt in meiner Eigenschaft als Westslawist, nicht unkommentiert stehen lassen. Dabei hoffe ich sehr, damit einen konstruktiven Beitrag der laufenden Diskussion beisteuern zu können.


    Erstens lautet das inkriminierte Wort „nemec“ bzw. „Niemiec“ – ausgesprochen in etwa ‚nemjets‘, denn in slawischen Sprachen wird das C im Auslaut niemals, außer bei einigen Fremdwörtern und Eigennamen, als ‚k‘ ausgesprochen.


    Zweitens ist das Wort weder heute noch im etymologischen Sinne abwertend, Geringschätzung ausdrückend oder gar beleidigend. Vielmehr leitet es sich von dem aus dem Ur-Indoeuropäischen stammenden Wort „nemy“ / „niemy“ (‚stumm‘) ab und führt uns bis heute die Verständigungsprobleme der seit jeher direkten Nachbarn miteinander vor: die germanischen Kaufleute und Handwerker verständigten sich mit ihren östlichen, zeitweilig auch nördlichen (Polaben…) Nachbarn wohl vorwiegend mit Händen und Füßen.


    Folgt man der von Ihnen angeführten, bei allem Respekt, Volksetymologie, so konnten sich die Angehörigen slawischer Völker genauso nahezu beleidigt fühlen, da „Slawen“ gefährlich an „Sklaven“ erinnert… Auch hier ist der Ursprung selbstverständlich ein ganz anderer und überaus positiver.


    Ergänzend darf ich hinzufügen, dass jedenfalls das Russische sehr wohl die Bezeichnung „germanjetz“ / „germantsi“ entsprechend für „der Deutsche“ / „die Deutschen“ kennt. Diese Bezeichnung ist genauso neutral wie „der Russe“ im Deutschen. Mithin braucht die Bundesregierung in dieser Sache gar nicht erst aktiv zu werden.


    Beleidigende Bezeichnungen für andere Völker gibt es vermutlich in jeder natürlichen Sprache. Das ist genauso unumstritten wie unschön. Um diese geht es aber in dieser Debatte nicht.


    Was das eigentliche Thema angeht, so sei noch das an sich neutrale bis positiv beladene Wort „Zigeuner“ genannt. Wenn ich heute etwa von „Sinti und Roma aus Rumänien“ lese, fühle ich mich unmittelbar in die Orwellsche Welt des Neusprech versetzt. Sinti in Rumänien sind ungefähr so beheimatet wie Roma in Spanien.


    Viele Grüße
    der Schriftensurfer

  • Was das eigentliche Thema angeht, so sei noch das an sich neutrale bis positiv beladene Wort „Zigeuner“ genannt. Wenn ich heute etwa von „Sinti und Roma aus Rumänien“ lese, fühle ich mich unmittelbar in die Orwellsche Welt des Neusprech versetzt. Sinti in Rumänien sind ungefähr so beheimatet wie Roma in Spanien.


    Auf die Gefahr hin, dass es als wenig höflich gewertet werden kann, in einem Forum gleich mit einer Richtigstellung zu beginnen:
    Das Wort "Zigeuner" ist nun einmal alles andere als (immer) positiv beladen.
    Generell zählte man zu den Zigeunern praktisch jedes „herrenloses Gesindel“ und sie standen unter (aufgrund der desolaten finanziellen Situation der Fahrenden nicht von der Hand zu weisenden) Generalverdacht der Delinquenz, und earem eben auch auf eher nicht ehrbare Berufe, wie Kesselpflicker oder Pferdehändlier (die eben auch Rosstäuscher waren) abgestempelt. Zudem sprachen die "Zigeuner" - anderes als andere vagante Bevölkerungsgruppen -. auch noch eine Geheimsprache, das Romanes in seinen unterschiedlichen Dialekten.


    Was ein wenig seltsam ist, die Bezeichnung "Sinti und Roma" ist eigentlich so, als würde man von "Niedersachsen und Deutschen" sprechen, denn Sinti sind genau genommen eine Untergruppe der Roma. Diese wiederum sind eigentlich wiederum nur eine Untergruppe derer, die einst generell als Zigeuner = die Herumziehenden bezeichnet wurden.


    Zudem bestand die Delinquenz allein schon in der umherziehenden Lebensweise, gab es doch bis spät ins 20. Jahrhundert den Straftatbestand der Landstreicherei.

  • Schriftensurfer :


    Ich kann einen Slawisten gut verstehen. Gerade die slawischen Sprachen haben ja das Problem, daß die bei uns in der Regel keiner kann. Ich würde eh jedem raten, wenn er viel Zeit hat, mal eine Sprache dieser östlichen Völker zu lernen. Gibt ja genug davon und Länder wie Slowenien oder Kroatien sind zudem ja beliebte Urlaubsländer. Die Leute dort freuen sich auch, wenn sie sehen, daß jemand sich für ihre Sprache, ihr Land, ihre Kultur interessiert.


    Ich schrieb "nemek", weil ich keine Ahnung habe, wie man das ausspricht. Ich kenne nur das russische "nemets" und wollte das nicht verwenden, weil es ja um die Slawen allgemein ging. Ich habe leider kein etymologisches Wörterbuch des Russischen hier, sonst hätte ich da die Form nachgeschlagen.


    Die Frage in diesem Fall ist, ob "die Stummen" wirklich neutral gemeint war. Anfangs vielleicht, aber ich denke, daß gerade später man das gerne umdeutete. Slawisch-germanischer Gegensatz usw. Man könnte aber sagen: Heute verstehen wir uns ja - wieso uns weiterhin als Stumme bezeichnen? (Ist nicht "stumm" oder "taub" inzwischen auch ein böses Wort? Da hörte ich doch mal irgendetwas von einer, die diese Zeichensprache für Taube kann.)


    Ehrlich gesagt denke ich, daß das Wort Slawe sehr gut etwas mit dem Sklaven zu tun haben könnte. Im Englischen und Niederdeutschen fiel das k ja auch weg, etwa slave. Verdächtig. Demnach wären Slawen ursprünglich Sklaven, d. h. einfach Leute, die immer noch böse Heiden sind. Erst später wäre der Begriff dann auf eine bestimmte Völkergruppe bezogen worden. Zudem gibt es ja die Annahme, der Begriff käme daher, daß aus den slawischen Gebieten so viele als Sklaven verkauft wurden. Was wäre die Alternative? "Slowa" (Wort)? "Slawa" (Ruhm?) Letzteres klingt auf mich etwas zu schön um wahr zu sein. Erinnert mich daran, daß die Germanen "natürlich" die "Ger-Männer" sein müssen, war auch mal eine sehr beliebte Annahme ...



    PeterWiegel : Ich las mal irgendwo, daß die Kombination "Sinti und Roma" erst während der NS-Zeit populär geworden sein soll. In diesem Falle wäre das dann für viele ja auch wieder eine unmögliche Bezeichnung und man müßte etwas neues suchen. Wanderrumänienstämmige?

  • Wanderrumänienstämmige


    Würde auch nicht passen, den Sprachwissenschaftler verorten das Romanes eher in Indien, davon sind dann eben einige auch in Rumänien hängen geblieben, sind aber eben doch nicht verwandt mit den Rumänen.


    Auch (ohne das dies jetzt irgendwie rassistisch zu verstehen ist) sehen viele Roma auch deutlich indisch aus, was bestimmte körperliche Merkmale anbelangt. Das ist eben auch ein Fakt, der mit zur Ausgrenzung beigetragen hat, heute glücklicherweise unwichtig zu werden beginnt.

    Einmal editiert, zuletzt von PeterWiegel ()