• So, ich komme gerade vom Kiosk zurück und holte mir die erste Ausgabe der "Zeitungszeugen". Die Zeitungszeugen werden seit kurzem auch im Fernsehen beworben und erscheinen seit 2009 erstmals wieder. Es handelt sich dabei um einen Nachdruck von echten Zeitungen aus der Nazizeit mit beiliegendem Kommentar von einer Expertengruppe, damit der heutige Leser auch "zwischen den Zeilen" lesen kann um die damalige Zeit und den Zeitungsinhalt besser verstehen zu können. Die erste Ausgabe beinhaltet drei Zeitungen von Januar 1933. Es handelt sich dabei um die noch recht neutrale "Deutsche Allgemeine Zeitung", das rechtsextreme Naziblatt "Der Angriff" und das linksextreme Kommunistenblatt "Der Kämpfer". Die Auswahl scheint gut getroffen, da ein breites poilitisches Spektrum abbildet wird. In den späteren Ausgaben werden Zeitungen bis 1945 erscheinen. Es erscheint wöchentlich. Die erste Ausgabe kostet nur 1 €. Danach je 3,90 €.


    Es ist interessant, ganze Zeitungen in Bruchschrift vor sich zu haben. Die Druckqualität könnte etwas besser sein. Ich vermute, die Originale waren etwas deutlicher. Es ist aber auf jeden Fall lesbar. Der Deutsche von heute wird mangels Wissen um den Normalschrifterlaß die Bruchschriften durch diese Veröffentlichungen mal wieder mit der Nazizeit in Verbindung bringen. Das ist wohl die Kehrseite, dieser interessanten Reihe. Aber: Auch das Kommunistenblatt „Der Kämpfer“ ist genauso wie die anderen Zeitungen in Bruchschrift gedruckt. Ich hoffe, das wird beachtet.


    Bisher verschaffte ich mir lediglich einen kurzen Überblick. Ich werde nun erstmal lesen.

  • Ich hatte mal gelesen, daß der Verkauf dieser Faksimile-Zeitungen trotz Kommentierungen gerichtlich verhindert werden sollte oder gar zeitweise verhindert wurde. Weiß jemand Genaueres darüber?


    „Ich hänge geradezu mit Leidenʃchaft an der deutʃchen Schrift.“


    Peter Roʃegger, Schriftʃteller

  • Das war ein interessantes Projekt, las ich von Zeit zu Zeit auch, wenngleich es etwas kostspielig war. Welche Auswirkungen das auf die Wahrnehmung der Fraktur bei der Leserschaft hatte, wäre auch mal interessant. Daß etwa auch kommunistische Zeitungen und Flugblätter in Fraktur gedruckt wurden, sah man da zwar, wenn entsprechendes beilag, aber ob man danach wirklich die Fraktur neutraler betrachtete? Ich habe ja so meine Zweifel daran. Zumindest festigte es wohl das vorherrschende Bild, daß die Fraktur alt, überholt und unmodern sei.

  • Zu dem Projekt kann ich nichts sagen, aber bezüglich der Schriftenverwendung: Volle Zustimmung! Wenn Frakturschriften in der Bevölkerung nur noch wahrgenommen werden als etwas im Zusammenhang mit Propagandamist aus der widerlichen braunen Zeit, dann müssen wir uns gewiß nicht wundern, warum es diese Schriften heutzutage so schwer haben.

  • Es wäre mal interessant, ab wann die Frakturschrift eigentlich einen so schlechten Ruf erhielt. Nach dem Krieg war sie ja nicht verpönt, da wurden viele Bücher sogar wieder in Fraktur gesetzt (ich habe etwa eine Faustausgabe von 1947/48, wo dem so ist), auch sind mir sogar FDJ-Sachen bekannt, wo Fraktur (weshalb auch immer) verwendet wurde. Ich würde mal vermuten, daß das Ende der 1960er Jahre irgendwann kam, daß man der Schrift einen politischen Anstrich verpaßte. Seitdem haben wir das Problem: Kaum kommt in irgendeinem Heft ein Beitrag über ein NS-Thema, blinkt düster die Fraktur entgegen ...

  • Das trifft schon in etwa zu. Ende der 60er im Zuge der Berichterstattung in den Massenmedien hat sich dieses Bild, d. h. diese Verbindung Nationalsozialismus (oder allgemein „rechts“) und Fraktur irgendwie herausgebildet.


    Noch in den 50er Jahren hat z. B. der Schriftsteller Hermann Hesse darauf bestanden, daß seine Bücher in Fraktur gesetzt werden. Ein Beleg dafür, daß zu diesem Zeitpunkt noch keine politische Aussage mit dieser Schrift verbunden wurde (Hesse war Gegner der Nationalsozialisten).


    Ein Beispiel für eine gezielt politisch eingesetzte Verwendung von Fraktur ist diese „Bild“-Schlagzeile:

  • Hallo,


    alte Zeitungsausgaben eignen sich vorzüglich, sich in der Rechtschreibung sowie den zahllosen antiquierten bzw. unbekannten Ausdrücken und Begriffen der jeweiligen Zeit zu üben. Zudem sind sie unterhaltsam und geben einen guten Eindruck in die Lebensweise und Umstände der Bewohner einer längst verwichenen Zeitepoche. Natürlich sind sie auch wesentlich einfacher zu lesen als handgeschriebene Schriftstücke.


    Anbei ein Beispiel der 53. Ausgabe der Franckfurter Frag- und Anzeigungs-Nachrichten vom 27. Junii 1786:

  • Die Schreibung „Dienſtag“ mit Lang-ſ habe ich auch in einem alten Wörterbuch vorgefunden.


    „Ich hänge geradezu mit Leidenʃchaft an der deutʃchen Schrift.“


    Peter Roʃegger, Schriftʃteller

  • Zeitungszeugen: Wäre vielleicht besser gewesen, wenn man grundsätzlich mal die ganze Geschichte des Deutschen Reiches (oder auch noch davor) durchgegangen wäre und zu ausgewählten Schlaglichtern Quellen reproduziert hätte. Aber Hitler verkauft sich eben besser als Kirchenkampf, Unruhen bei der Arbeiterschaft oder Probleme in den Kolonien ...


    Die große Frage ist: WARUM wird irgendwann ab den 1960er Jahren die Frakturschrift so dermaßen abgewertet? Da muß es ja einen Grund geben.

  • Das ja eigentlich nur in der alten BRD. In der DDR ist man mit Fraktur gänzlich unbefangen umgegangen. Möglich, dass daran die beliebteste Tageszeitung schuld wear, die ja immer mit großen, plakativen Schlagzeilen daher kam, und das „veraltete“ der Nazizeit eben durch diesen „optischen Schalter“ Frakturschriftimmer hervor gehoben hat. Immer wenn das Wort Hitler verwendet wurde, hat man es zur optischen Unterstreichung in Fraktur gesetzt. Das hat sich dann eben eingebrannt.

  • War das in der DDR wirklich so, daß man da sehr unbefangen war? Ich kenne bisher nur Fraktursachen aus der frühen Zeit. Ich weiß nicht, wie es 1960 etwa in der DDR aussah. Weiß da jemand mehr?


    Unglaublich, wie schnell eine Nation ihre angestammte Schrift so in den Dreck zieht ... und das greift ja offenbar sehr tief. Man muß sich nur mal etwas im rechtsextremen Bereich umsehen: Die Frakturregeln sind dort (so meine Erfahrung) offenbar in keinster Weise bekannt. Man sollte ja denken, daß Leute, die besonders viel auf ihre Heimat geben, da sensibler sind, aber nein. Schlimm ...

  • Es war wirklich so. VEB Typoart hatte einge Frakturschriften im Angebot, bis in die 1980er Jahre erschienen etliche Bocher mit zumindest in Fraktur gesetztem Titel, manche dann auch mit Fraktur im inneren, Für Zeitungsköpfe eindeutih linker Zeitungen wurde Fraktur verwendet, und auch auf politischen Plakaten wurde sie benutzt, aber enben nicht, um darauf einen Bezug zum Nationalsozialismus auszudrücken, eher im Gehenteil.


    Ich zitiere mal hier: http://vau-ef-be.beepworld.de/frakturverbot.htm


    Albert Kapr, Professor in Leipzig und weltweit anerkannter Gutenberg-
    Forscher, bestätigte mir angesichts eines Besuches der HBK Braunschweig
    im Jahr 1983, daß die Grafiker der DDR, was den Einsatz der Fraktur
    beträfe, keinerlei Beschränkungen unterworfen seien.

  • Danke für den Verweis, der liest sich interessant. Vor allem findet man dort gute Bildbeispiele.


    Ah, stimmt, jetzt wo es gesagt wird. Ich erinnere mich, daß ich mir neulich mal ein Buch über tschechische Märchen kaufte, welches in der DDR gedruckt wurde. Der Text war zwar in Antiqua, aber der Schutzumschlag wies eine gebrochene Schrift auf. Gedruckt wurde das in den 1980ern, wenn ich mich richtig entsinne. Erstaunlich, fiel mir bisher gar nicht auf, daß das bei DDR-Publikationen noch häufiger der Fall war.


    Traurig, wie schnell auch auf dem Boden der ehemaligen DDR Fraktur als verpönt gilt ...

  • Nun, in Deutschland ist ja, mit deutlichem Aufkommen von Neonazistischen Gruppierungen eine Art Dysphemismus-Tretmühle in Gange gekommen.


    Zunächt hat man, relativ logisch bestimmte Symbole und Begriffe welche direkt von den Nazis benutzt wurden, mit einem Bann belegt, so eben das Swastika, bestimmte Runen, Grußformeln usw. Diese konnten also von den neuen Ultrarechten also nicht öffentlich benutzt werden. Diese brauchten aber ein Erkennungsmittel, zudem wollten sie sich ja auch von der abgelehnten Gesellschaftsform abgrenzen. Also nutzen diese Leute eine Schriftart, die wenig benutzt wird. Nicht weil es eine Ur-Nazi-Schrift ist, sondern gerade weil sie zuerst eben durch die Nazis, dann aber auch durch den Wunsch der Besatzungsmächte, die eben für ihre Kontrollen einen „lesbaren“ Druck einforderten außer gebrauch gekommene Frakturschrift. Es war schlicht die Alternative, die zur Wahl stand, um sich eben optisch abzugrenzen. Hätten wir deutschen nach dem Krieg darauf bestanden, die Frakturschrift wieder zu unserer gebräuchlichen Literatur- und Zeitungsschrift zu machen, dann wären die neuen Nazis eben auf Antiqua ausgewichen.
    Und weil so Fraktur eben das einzig verfügbare Mittel zur Abgrenzung darstellte, hat man sie eben benutzt - und dann eben so, wie Schriften verfügbar waren, zumeist aus US-Quellen mit fehlendem ſ und möglicherweise anderen Fehlern, wie tz statt k.


    Ebenso ergeht es Begriffen und Kürzeln, welche von den Neunazis verwendet werden, um damit verbotene Begriffe und Logos zu ersetzen. Werden diese nur oft genug von denen genutzt, werden aucxh diese als Nazisymbole bald wieder verboten, und jeder, der irgendwie zufällig 18 oder 88 verwendet, kommt in den Ruf, politisch rechts zu sein.


    Bald werden wir dann in Deutschland auf Highways fahren, da der Begriff „Autobahn“ zu sehr in Verbindung mit Nazis steht...

  • Kürzlich las ich in der »deutschen Schrift« (4/2005) einen interessanten Beitrag von Dr. Dieter Kolk mit dem Titel »Ist die ›Tannenberg‹ eine Nazi-Schrift?« Passend zur Frage, seit wann die Fraktur mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht wird, hier ein Auszug aus dem Beitrag:


    »Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten zwar die gebrochenen
    Schriften rasch außer Gebrauch, aber weder die Fraktur im allgemeinen noch die
    Fraktur-Grotesk wurden in besonderer Weise als Träger der
    nationalsozialistischen Ideologie angesehen. Erst mit der verstärkten
    Aufarbeitung der Geschichte des Naziregimes seit den 1960er Jahren wurden diese
    Schriften mehr und mehr verfemt. Das geschah außerdem völlig undifferenziert,
    weil die jüngeren Graphikdesigner keine Veranlassung mehr sahen, sich mit der
    Geschichte der gebrochenen Schriften zu beschäftigen. […]«

    »Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird« (M. Walser)