Schreiben als Akt der Entschleunigung

  • Schreiben als Akt der Entschleunigung


    „Muß nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir.
    Noch 148 Mails checken wer weiß was mir dann noch passiert denn es passiert so viel
    Muss nur noch kurz die Welt retten und gleich danach bin ich wieder bei dir.“


    Diese Worte aus dem Lied von Tim Bendzko kennen viele und fühlen sich davon angesprochen. Es beschreibt perfekt das Gefühl des Jahres 2011: Überall erreichbar sein, ständig an der digitalen Aorta zu hängen, über Facebook, Twitter und Co. über die größten Banalitäten (was hat das alles WIRKLICH mit mir zu tun?) stets auf dem Laufenden zu sein…
    Längst hat sich die digitale Arbeitserleichterung zum Fluch entwickelt. Längst schwirrt uns der Kopf, und ehe wir uns echten Menschen zuwenden können, müssen erst die beispielhaften 148 Mails bearbeitet werden, eine Herkulesaufgabe eigentlich, die der Erettung der Welt gleichkommt…


    Wie gemütlich klingt es doch da in dem sehr viel älteren Liedtext von Bing Crosby:


    I'm dreaming of a white Christmas
    With every Christmas card I write
    May your days be merry and bright
    And may all your Christmases be white …


    Da schwingt das Seelenvolle, Gemütliche mit, das literarische Ich tritt über die Weihnachtskarte direkt in eine geistige Verbindung mit dem Adressaten ein - ohne ein nervtötendes Handyjingle.


    Ich romantisiere, zweifellos.


    Doch wurde ich stutzig, als ich mir gewahr wurde, wie einst meine Frau und ich gemeinsam im Arbeitszimmer sitzend, unsere Kontakte pflegten:


    Sie, über das Netzwerk „wer-kennt-wen?“ parierte wie ein Tischtennisspieler, der die Bälle abschmettert, die hereinprasselnden Grüße mit Taste-and-Copy („Kopieren und einfügen“ bzw. „guttenbergen“) und korrespondierte auf der anderen Seite mit etlichen Dutzend Bekanntschaften, während ich mit einer eisernen Eintauchfeder und selbstgemachter Tinte (ein Geschenk) an dem einen Abend mühevoll einen einzigen handgedengelten Faltbrief zusammenschnörkelte.


    2000 Jahre Kommunikationsgeschichte in unserem Arbeitszimmer vereint – ein skurriles Bild!


    Wer von uns beiden, hatte später noch in Erinnerung, was er GENAU gemacht hatte?


    Nun denn, nachdem mich die letzten Wochen beruflich arg gebeutelt hatten, wolle ich einen Gang herunterschalten und wandte mich bewußt meinem ganz persönlichen Jahresendritual zu: Dem Schreiben der Weihnachtskarten!
    Mag auch die Buchhandlung meines Vertrauens bereits eine „Aktion zur Rettung der Weihnachtskartenkultur“ ausrufen (gut so! Mag sie tun!) mich ficht´s nicht an, ich bleibe eh der „der Feder verhaftete und an ihr beharrende Narre“ (letzteres im Gutsten, was das Wort auch zu bedeuten weiß).


    So legte ich eine gute Musik auf, zündete ein Räucherkerzchen an, packte einen vollen Pott Tee und Weihnachtsschokolade auf den Tisch und machte mich in aller Ruhe an die lange, lange, über Jahre gewachsene und gepflegte Liste der diesjährig zu bedenkenden Gefährten auf dem Lebenswege.
    Es wurde ein langer, langer Abend. Der Hund lag mir zu Füßen, die Schokolade schmolz mir im Munde und meine Gedanken, Fragen und Wünsche flossen zu Papier.


    Irgendwann mittendrin streckte ich wohlig die steifen Knochen – und da war es!


    Das Weihnachtsgefühl!


    Ich war im Auge des Sturmes (am Morgen hetzte ich noch durch einen Orkan zur Arbeit) angekommen.
    Hier war ich nun ganz bei mir und zugleich im stillen Zwiegespräch mit meinen lieben Brieffreunden.


    Ich hatte mich Ent-schleunigt …


    In der Hoffnung, daß auch ihr nebst all dem Weihnachtsgeschrei -und den Anpreisungen welches Handy denn nun unbedingt unterm Baume liegen müsse und welches Smartphone nun schon bereits wieder soetwas von vor fünf Minuten sei- solche magische Momente erleben werdet, verbleibe ich mit den besten Grüßen für ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Jahresanfang 2012


    Euer
    Oliver


    PS: Und nachdem dieses bescheuerte Forenprogramm mit der sorgfältig bearbeiteten Formatierung meines Textes grad macht, was es will und wie es lustig ist - ist mir das jetzt auch völlig schnuppe. Dann müßt ihr euch halt durch dieses Buchstabenwirrwarr quälen, ich lasse mich doch nicht von einer Software tyrannisieren... ;)

    Ich habe eine feste Meinung - verwirrt mich nicht mit Tatsachen!