Anschrift in Latein

  • Guten Tag,

    bei folgender Briefanschrift bitte ich um Hilfe bei der Übersetzung.

    Ich hab den Text im Google-Translator eingegeben, bekomme aber keine sinnvolle Übersetzung.

    Mein Latein liegt leider schon viele Jahre zurück.

    Ich lese:

    Serenissimo Caesareo Hungariae et Bohemiae Regio

    Haereditario Principi Josepho Archi Duci Austriae

    et Inclyti Regni Hungariae Palatino, Excelsi item

    Consilie Regii Locumtenentialis Hungarici Praesidi

    et Consiliariis, Domino Domino Benignissimo, Gratio

    sissimis, Colendissimis.

    Der Brief ging nach Buda

    An wen war der Brief gerichtet?

    Bitte um eure Hilfe.

    Liebe Grüße

    Franz

  • Eurer kaiserlichen Durchlaucht Joseph, dem Fürsten des Erblandes von Böhmen und Ungarn, Erzherzog von Österreich und Palatin der ungarischen Herrschaft Inclytien (?), auch den Leutnants des ungarischen Praesidiums (?) und Räten des höchsten Regierungsrats, dem gütigsten, gnädigsten, verehrtesten Herrn Herrn

  • Vielen herzlichen Dank. Super!!!

    Also ging der Brief an Erzherzog Joseph Anton Johann Baptist von Österreich (Paladin von Ungarn).

    Liebe Grüße

    Franz

  • Auch wenn mein großes Latinum schon Jahrzehnte alt ist:

    "inclytus" ist laut dem Stowasser eine neulateinische Form von inclutus bzw inclitus und ist mir "berühmt" oder "bekannt" zu übersetzen.

    Vielleicht hilft dieser Hinweis ja weiter.

  • Joa, das ist ja unproblematisch, habe ich nicht nachgeschaut. Kenne mich auch in Ungarn so gar nicht aus. Dann wären wir bei Palatin des wohlbekannten Königreichs Ungarns oder berühmten ungarischen Königreichs, o.ä..

  • Hallo Angemeldet, hallo Teo,

    Vielen herzlichen Dank.

    Das hört sich gut an.

    Der adelige Empfänger des Briefes war natürlich Gebührenbefreit.

    Dem Absender kostete der Brief aber immerhin, 28 Kreuzer C.M. (links oben in Rötel notiert).

    Liebe Grüße

    Franz

  • Mich interessierte noch, wie die Schrift heißt? Sie sieht aus wie Copperplate oder Spencerian, aber hier war ja ein continentaler und kein englischer/amerikanischer Schreiber am Werk?

    Ich habe eine feste Meinung - verwirrt mich nicht mit Tatsachen!

  • Zwar ist die Frage von Angemeldet schon seit Tagen geklärt, wem der Brief gerichtet ist, möchte ich die Obigen damit ergänzen, dass Palatin Joseph der Präsident des Hohen Königlichen Ungarischen Statthaltereirates und aller Königlichen Räte war.

    Ich habe noch nicht gesehen, wie seine Titel auf Latein lauteten, für mich war es interessant, zu sehen.

    Einmal editiert, zuletzt von habeljohann ()

  • Mich interessierte noch, wie die Schrift heißt? Sie sieht aus wie Copperplate oder Spencerian, ...

    Ja, das ist ein "ganz normale" Anglaise, Copperplate oder Englische Scheibschrift.

    Sie ist sehr gut geschrieben; sie verwendet aber kein Lang-s (wie im Beitrag angegeben); diese Buchstabe ist ein "h":

    Das erste Wort in der zweiten Zeile ist "Serenihsimo" und das letzte Wort in der letzten Zeile "Colendihsimis".

    Im deutschsprachigen Raum war man ja "zweischriftig" geprägt - man konnte lateinische und gebrochene Schriften gezielt einsetzen.

  • Das erste Wort in der zweiten Zeile ist "Serenihsimo" und das letzte Wort in der letzten Zeile "Colendihsimis".

    Das ist grammatisch und orthographisch falsch und wird auch in keiner mir bekannten Editionsrichtlinie so verwendet, auch nicht in neulateinischen Kommentaren. Zudem steht es der lateinischen Phonetik entgegen, die m. E. nach keine aspirierten Frikative kennt.

  • Der Ursprung war ja die Humanistische Kursive auf der lateinischen Seite und die Barockkurrent für deutsche Texte, beide noch mit der Bandzugfeder bzw. dem Gänsekiel geschrieben. Um 1830 setzte sich die metallene Spitzfeder allgemein durch und veränderte die Schriften radikal.


    Zwischen 1830 und 1900 wurde mit dem neuen Werkzeug geschrieben, aber mir ist völlig unklar nach welchen Vorlagen? Mit was haben die Schulmeister gelehrt und wie nennt man diese Alphabete?


    Bei der Deutschen Schrift kennt man die "Kurrent um 1900". Und was ist in den 70 Jahren zuvor? Da gab es auch eine eigene Spitzfederkurrent für die es m. E. noch keinen Fachbegriff gibt. Sie unterscheidet sich von der 1900er durch das lange s in "Spazierstockform" (anstatt der späteren Sägezahnform), noch niedrigere n-Höhe und reichere Versalien. (s. Buch von Harald Süß).


    Bei der gleichzeitig für Fremdwörter, Nachnamen und Bestimmungsort auf Briefen genutzten Lateinschrift gibt es m. E. ein paar Unterschiede zur englischen Schreibschrift: das d gleicht mehr der Kurrent Form, das kleine k ist oft höher als die n-Höhe, ebenso der t-Strich und an hat eine starke Vorliebe fürs französische r. Obiges Beispiel ist ja von ausgewählter Qualität, fast wie ein Kupferstich. Man google aber mal nach "Correspondenz-Karte" und sehe sich die lateinischen Anschriften von damals an, das hat einen eigenen Charakter. Da würde mich echt mal ein zeitgenössisches Schreibmeister-Vorlagenbuch aus dem deutschen Sprachraum interessieren.

    Ich habe eine feste Meinung - verwirrt mich nicht mit Tatsachen!

  • "Sie ist sehr gut geschrieben; sie verwendet aber kein Lang-s (wie im Beitrag angegeben); diese Buchstabe ist ein "h":

    Das erste Wort in der zweiten Zeile ist "Serenihsimo" und das letzte Wort in der letzten Zeile "Colendihsimis".

    Der Schein trügt manchmal, hier aber sicher. Ein Vergleich mit den Adressaten eines Zirkularbriefes der Hohen Königlichen Ungarischen Statthalterei (1842) muss überzeugend sein. Gedruckt in Buda/Ofen, wo der oben erwähnte Palatin Joseph residierte.

    Einmal editiert, zuletzt von habeljohann ()