Klingspor: Eingabe um Beibehaltung der Fraktur an den Reichstag

  • Guten Abend liebe kenner der gebrochenen Schrift,


    Ich bin auf der suche nach einem ganz bestimmten Dokument: Die "Eingabe um Beibehaltung der Fraktur".

    Wir können in Julius Rodenbergs in der Schmiede der Schrift von 1940 auf Seite 121 lesen:

    "Am wenigsten konnte sich Karl Klingspor, der im Jahre 1911 (?) zusammen mit gleichgesinnten Männern jene denkwürdige Eigabe um die Beibehaltung der Fraktur an den Reichstag gerichtet hatte, mit dem Stande der Frakturproblems zufriedengeben, das nur durch produktive Arbeit wirklich zu lösen war."


    Im Internet und im Forum lässt sich dazu anscheinend nichts finden (ich hätte gerne unrecht..). Bevor ich nun (auch wegen Corona) das Stadtarchiv Offenbach und das Klingspor-Museum befrage, wollte ich zuvor hier schauen ob jemand weitere Informationen zu diesem Dokument hat oder sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigt.

  • Ich habe mal in den Reichstagsprotokollen recherchiert und für den Zeitraum von 1911 bis 1914 den Begriff Fraktur gesucht. Dieser ist in einer auf 23 Seiten umfassenden Aussprache zwar verwendet worden, aber gerade in einem entgegengesetzten Zusammenhang, nämlich in der Aussprache über den Antrag, die "Altschrift" - damit ist die Antiquaschrift gemeint - im amtlichen Verkehr mit Reichsbehörden zuzulassen. (Reichstag 166. Sitzung, 4. Mai 1911, Seite 6361 ff der Protokolle)

  • Ich habe im Buch "Karl Klingspor - Leben und Werk, von Hans Adolf Halbey, Vereinigung der Freunde des Klingspor-Museums, 1991" ein paar Zeilen zum Schriftstreit / zur Einbringung gefunden.

    Sie finden davon zwei Seiten (S.41 + 42) sowie die Seite mit den zugehörigen Bemerkungen / Literaturhinweisen (S.91) nachfolgend :

     


    Ich hoffe, daß Ihnen dies etwas bei der weiteren Suche weiterhilft.

  • Ich habe mich noch einmal mit den Reichstagsprotokollen befaßt. Danach sieht der Ablauf wie folgt aus:


    Der Allgemeine Verein für Altschrift richtete eine Petition an den Reichstag mit der Bitte,

    "1.die allgemeine Zulassung der Altschrift (Antiqua, sogenannten Lateinschrift), vor allem der Handschriftform, im amtlichen Verkehr der Reichs­behörden zu erwirken,

    2. ein gleiches Vorgehen sämtlicher Bundesregierungen herbeizuführen, sowie auch zu veranlassen, daß allgemein der erste Schreibleseunterricht in den Volksschulen mit der leichteren Altschrift beginne, der Unterricht in der schwereren Bruchschrift (Fraktur) dagegen auf die späteren Schuljahre verschoben und möglichst bald auf das Lesenlernen beschränkt werde."


    Die zuständige Kommission beschloß einstimmig, die Petition dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen.


    Danach ging eine zweite Petition ein mit dem an das Plenum des Reichstages gerichteten Antrag, dem Beschluss der Petitions-Kommission nicht beitreten und die Sache an die Kommission zurückverweisen zu wollen. Dieses Gesuch ging von einem "Ausschuß zur Abwehr des Lateinschrift-Zwanges" aus und war von den Professoren Jaensch und Seesselberg unterzeichnet.


    Danach ging noch eine weitere Zuschrift ein, die vom Allgemeinen Deutschen Schriftverein stammte und in der beantragt wurde, "den Anschlag gegen unsere deutsche Schrift ... abzulehnen".


    Die Kommission beantragte im Ergebnis, der Reichstag wolle beschließen, die eingangs genannte Petition dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen und auf die Petition des Ausschusses zur Abwehr des Lateinschriftzwanges "zur Tagesordnung zu übergehen".


    Der sehr ausführliche Bericht ist zu finden in den Protokollen des Reichstages vom 23.02.1911 (Seite 3983 ff).


    Über diesen Antrag verhandelte der Reichstag in seiner Sitzung vom 4. Mai 1911, wie im letzten Beitrag von mir schon erwähnt. Die Wiedergabe des Berichts, der Aussprache und der Abstimmung umfaßt 18 (!) Seiten.


    Darin wird u.a. erwähnt, daß neben der "Gegenpetition" verschiedene weitere Eingaben betreffend den Kommissionsbeschluß vorgelegt worden seien, so vom "Jungdeutschen Bund Hamburg", mit dem die Beibehaltung der deutschen Schrift verlangt wird und die von mehr als 400 Personen unterzeichnet worden ist.


    Der Abwehrausschuß gegen den Lateinzwang habe eine Reihe von Ausführungen namhafter Leute, namentlich von Künstlern vorgelegt, die für die Fraktur eintreten würden.


    Ferner sei eine große Anzahl Unterschriften deutscher Studenten eingegangen, die sich für die Erhaltung der deutschen Schrift einsetzten.


    Die Abstimmung führte zu folgendem überraschenden - wie folgt protokollierten - Ergebnis:


    "Meine Herren, die Abstimmung hat folgendes Ergebnis: mit Ja haben gestimmt 85, mit Nein 82.

    Das Haus ist also beschlußunfähig, (große Heiterkeit) und wir müssen unsere Beratungen abbrechen."


    Damit kann festgehalten werden, dass die "denkwürdige Eingabe" die Karl Klingspor zusammen mit gleichgesinnten Männern gemacht hat, eine Reaktion war auf die Petition, die die Antiquaschrift als vorrangig zu lehrende und zu verwendende Schrift herbeiführen wollte. Welche Männer Klingspor unterstützte und ob es sich um eine der in dem Protokollen erwähnten Eingabe handelte, ist bisher unklar.


    Aus den im Betrag von Kobergensis ersichtlichen Kopien aus dem Werk von Halbey wird ersichtlich, dass bei der oben angeführten Reichstagsdebatte Karl Klingspor bei der Erhaltung der Fraktur "eine Rolle gespielt" hat. Die Fußnote verweist auf auf Schauer, Deutsche Buchkunst. Darauf habe ich im Augenblick keinen Zugriff. Ich vermute aber, dass sich Schauer zum Beleg gerade auf das Zitat in dem Werk von Julius Rodenberg bezieht.


    Mit welchen Männern Klingspor welche denkwürdige Eingabe gemacht hat, bedarf also wohl doch der weiteren Nachforschungen bei den Stellen, die Zwiebelfisch oben schon genannt hat.


    Im übrigen sind die von mir angeführte Protokolle der Petitionskommission und der Sitzung des Reichstages ausgesprochen lesenswert.



    Mit welchen Männern Klingspor welche denkwürdige Eingabe gemacht hat, bedarf also wohl doch der weiteren Nachforschungen bei den Stellen, die Zwiebelfisch oben schon genannt hat.


    Im übrigen sind die von mir angeführte Protokolle der Petitionskommission und der Sitzung des Reichstages ausgesprochen lesenswert.

  • Ich danke vielmals für die Hinweise und ausgiebige Recherche.

    vielen dank für den Buchtipp. Die verweise könnten hilfreich sein.
    Ich werde die Tage mal schauen, ob eine nahe Bibliothek das Schauer buch da hat. Von der Petition habe ich ebenfalls irgendwo etwas gelesen, aber ich erinnere mich nicht. Die Sachlage scheint ja komplexer zu sein als gedacht. Es ist interessant, dass sich auch andere Gruppierungen beteiligt haben. Das Protokoll werde ich die Tage mal lesen, aber so wie es aussieht steht der Fund des Schreibens noch aus, oder?