Die Welt vor 250 Jahren - in Frakturschrift

  • Wie war die politische Weltlage vor genau 250 Jahren, am 21. Juli 1770?

    Dazu anliegend der Text des Reichspostreuters von diesem Datum. Natürlich in Frakturschrift.

    (Ich hatte einfach mal wieder Lust, einen kleinen Frakturtext zu präsentieren. Der ursprüngliche

    Frakturtext wurde von mir abgeschrieben und mit Ligafaktur neu gesetzt. Die Wiedergabe ist durch die

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  • Die "Welt" vor 250 Jahren in den Intelligenzblättern war vor allem eins, nämlich ziemlich klein. Ich habe jetzt mal eine Weile im Reichspostreuter geblättert und er ist wirklich ein gutes Beispiel, worauf sich politische Ereignisse im 18. Jahrhundert bezogen. nämlich den engen Gesichtskreis von Höfen und Diplomatie in Europa. Weder habe ich eine Erwähnung der Falklandkrise gefunden, noch irgendeine Notiz vom Boston Massacre (wenigstens nicht bis zum 14. März).


    Zweifelsohne muss man die Bewertung von Ereignissen im zeitgenössischen Kontext sehen. So hat auch Goethe am 06. August 1806 notiert, dass ihm ein Streit seines Bedienten mit dem Kutscher aufreibender vorgekommen sei, als die Nachricht von der Abdankung des Kaisers in Wien. Aber die fürstenstaatliche Zensur schränkte die Auswahl von Nachrichten für diese Anzeigenblätter von vorherein so stark ein, dass sie noch mindestens bis zum Fall der Karlsbader Beschlüsse eigentlich kein Spiegel der zeitgenössischen Gesellschaft darstellen konnten. Von sozialgeschichtlichem Wert sind da schon eher die kleineren, nicht immer perfekt redaktionierten Wochenblätter, nützlichen oder ökonomischen Anzeigen.

  • Ich hätte vielleicht präzisieren sollen: Die Weltlage aus der Sicht einer Zeitung aus Altona.

    (Dazu Wikipedia: "Altona entwickelte sich noch im 17. Jahrhundert zu einem wichtigen Pressestandort, wegen der im Vergleich zu Hamburg größeren Toleranz der Obrigkeit. Es erschienen hier renommierte und langlebige Zeitungen wie insbesondere der Altonaische Mercurius (1698–1874) und der (Altonaische) Reichs-Post-Reuter (1699–1789)."

    Letztlich hat es mir schlicht Spaß gemacht, eine genau 250 Jahre alte deutschsprachige Zeitung mit Hilfe von Ligafaktur in Fraktur zu setzen.

    Am Rande sei bemerkt, dass über das Boston Massacre bis zum 14 März in Europa nicht berichtet werden konnte, weil dieses erst am 8. März stattfand und die Übermittlung der Nachricht von Amerika nach London und von dort nach Hamburg-Altona mehrere Wochen dauerte. Tatsächlich berichtete der Reichspostreuter zu einem späteren Zeitpunkt über dies Ereignis.

    Allein der Umfang der deutschen Zeitungen des 18 Jahrhunderts, allen voran der bekannte man Hamburgische Correspondent, war sehr viel geringer als derjenige der Zeitungen in London aber auch der holländischen Zeitungen.

  • Holger Böhning hat dazu ja entsprechende Arbeiten geliefert. Ich denke, es ist unbestritten, dass die Altonaer Presselandschaft durch hochkompetentes Personal und Beziehungen in die intellektuellen Kreise Hamburgs einen wichtigen Beitrag zum Vorschub der Aufklärung geleistet hat. Mein Punkt war auch nicht, in wie fern dieser Vorschub außerhalb der damaligen Gelehrtenrepublik Verbreitung fand (wir sollten nicht die Analphabetismusrate und fehlende Lesepraxis der Landbevölkerung vergessen). Es ging mir eher darum, dass das Politikverständnis vor 250 Jahren ein sehr viel engeres und ständestaatlich geprägtes war. Gerade also dieser Teil, den du gesetzt hast, spiegelt die "Weltlage" im heute üblichen Sinne einer Großwetterkarte der Nachrichtenberichterstattung nicht unbedingt wieder. Er ist nichtsdestotrotz politisch, allein schon wegen der Entscheidungsträger, die dem Reuter für solche Meldungen Konzession erteilt haben. Aber es ist eben ein anderes Lagebild der 'Welt' als das, was der Ottonormalleser von heute darunter verstehen würde.


    Es ist übrigens unbenommen und ein guter Punkt, dass die Nachrichtenübermittlung zur damaligen Zeit sehr viel länger gedauert hat. Wir haben ja auch in der Ausgabe vom 21. Juli keinen einzigen Artikel vom 21. Juli, sondern mehr einen Zeitraum 'politischer' Ereignisse vom 30. Juni bis 16. Juli. Da kann man mal sehen, was es damals hieß, auf dem neusten Stand zu sein. Dass das Massaker von Boston aber doch einen Platz in einer späteren Ausgabe gefunden hat, überrascht mich, nicht nur wegen Enttarnung meiner journalistisch anmutenden Recherechesorgfalt. Es zeigt, dass der Reichspostreuter doch schon erhebliche Freiheiten vor anderen Medien seiner Zeit genoss. Kann das mit Struensees Reformen zusammengehangen haben? Kam der Bericht zum Massaker vor September 1770?

  • Vielen Dank für die sehr kenntnisreiche Stellungnahme. Die Nennung des Boston Massacre in der RPR werde ich in Kürze hier darstellen (vor September 1770)

  • Der Reichspoſtreuter berichtet viel ausführlicher als angenommen über das Geschehen und die Diskusson darüber im Parlament zu London. Deshalb hier nur der Bericht aus der Ausgabe 10.5. - Natürlich mit Hilfe von Ligafaktur in Frakturschrift.

  • Danke, das extra Transkribieren und Setzen hat bestimmt eine Menge Arbeit gemacht. Der Link zu einem Digitalisat würde sicher auch ausreichen, wenn du dir notiert hast, an welchen Stellen die Diskussion im Parliament of London näher geschildert wird.


    Also, man merkt dem Text schon die britische Quelle an, aber neben der reinen Ereignisschilderung, war der Autor doch sehr um einen neutralen Standpunkt bemüht. Das 'Volk' wird im Zusammenhang mit den nächtlichen Tumulten nicht patriarchalisch abgewertet und als Konglomerat an Wirrköpfen oder Pöbel dargestellt, sondern als berechtigte Konfliktpartei. Das kenne ich aus späteren, aufklärerisch geprägten Medien ganz anders. Es ist ja schon bezeichnend, wie die französische Revolution das Verhältnis der Bürger zum Staat gedreht hat, oder wie unbefangen es sich 20 Jahre früher noch medial darstellen ließ, ohne den geringsten Anflug von Parteinahme zu erwecken.


    Andererseits ist es ja nach wie vor eine Streitfrage, ob das Ereignis wirklich die Initialzündung war, für die es späterere Rezepienten erklärt haben. Wenn eine Stadt fast zwei Jahre lang mit tausenden von Soldaten besetzt ist, kommt es fast naturgemäß zu Spannungen mit der Zivilbevölkerung. Ob damit schon der Ansatz einer politischen Programmatik verbunden war?

  • Ich habe den Text in Frakturschrift beigefügt, weil ich glaube, dies dem Sinn des Frakturschriften-Forums zu schulden und natürlich, weil es Spaß macht. Gerne würde ich mich über historische Einschätzungen austauschen. Das müßte dann aber auf anderem Wege erfolgen. Zur Sache selbst:

    Der Reichspostreuter könnte einen Artikel einer Londoner Zeitung übersetzt haben, die ihrerseits den Text der Bostoner Zeitung wiedergibt. Ich fand in der London Evening Post vom 21. 4. einen entsprechenden Artikel, der zwar einen nicht ganz identischen Text bietet, aber die Überschrift enthält "From the Boston Gazette, Boston, March 12". Interessant sind die einleitenden Worte - offenbar diejenigen der Boston Gazette - vor Schilderung der eigentlichen Ereignisse: "The town of Boston affords a recent and melancholy demonstration of the destructive consequences of quartering troopes among citizens in a time of peace, under pretence of supporting laws, and aiding civil authority..."

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  • Interessant wird der Absatz natürlich erst danach, da zeigt sich nämlich die Diskrepanz zwischen der Berichterstattung der größeren, privilegierten Presserzeugnisse wie Intelligenzblättern im Reich und den eher lokal orientierten freien Berichterstattern wie der Boston Gazette (wie ich oben ja schon schrieb): [...] when it was known that a number of regiments were ordered to this town under such a pretext, but in reality to inforce oppressive measures; to awe and controul the legslative as well as executive power of the province, and to quell a spirit of liberty, which however it may have been basely [.] and even ridicul'd by some, would do honour to any age or country."


    Es ist schon eine Frage, welche Tendenz der Berichterstattung hier für die Deutung des Ereignisses herangezogen wird, aber wir müssen das natürlich nicht in diesem Thread diskutieren. Mit ziemlicher Sicherheit ist das in der englischsprachigen Historiographie in ausreichender Konsequenz geschehen. Ich denke an zahlreiche Veröffentlichungen von Carol Sue Humphrey. Wie ich jetzt sah, scheint es auch deutsche Historiker immer noch in hinreichendem Maße zu beschäftigen https://www.degruyter.com/view/title/537491?tab_body=toc .