Kircheninventar 1545

  • Ich habe vor Jahren mal ein Kircheninventar in meiner Lieblingsschriftart, der Kanzleikurrent aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, bearbeitet. Die herausgekommene Transkription kann man wohl diplomatisch als "kompetenzentsprechend" bezeichnen. Ich weiß gar nicht, was mehr Spaß gemacht hat, die tagelange Quälerei oder das ernüchternde Ergebnis, das in seiner bisherigen Form keinen wirklichen Erkenntnisgewinn bringt. Vielleicht kennt sich ja jemand mit der Schrift aus und kann noch die ein oder andere Hundertschaft Fragezeichen durch sinngemäße Lesarten beseitigen.


    Ein Inventarirum deme schulmyster zu uber Antworthunge der Kirche zu Blichenrad Anno Michalis 45



    1 Grune Vogelwerck mit rote Vogelwerck uberzogen ist ein eintzell casell (?)


    1 Rot Lund Tisch gewerk (?) mit aller seiner Zugehörung


    1 Schwartz Leudisch (?) mit aller seiner Zugehörung


    1 Rote Sauers geret (?) mit aller Zugehörung


    1 Rot Vogellwerck mit alle Zugehorunge grumn uf de boch (bod) (????


    1 Blau masierte chor cappen


    1 schwartze chor cappe getrückt Lybatt


    2 Rote Harnes (?) Parnes (?) cappe den Knaben


    2 Schwartz mit getrückt libat den Knaben


    2 Kelch unt parfirall (?)sint der Kerch


    1 Kelch ist er cristofells ( Christophers ?)


    31 Bücher große und cleine mit er Christofels und er milag Messebüchern



    1 buntte seide (?) vorhang uf de hohen altar der warunt (?)warine (?) warmie (?) Warte ?


    1 Vorhang uf de hohe Altar apostolium


    1 vorhang uf de hohen altar serviall furiall (?)


    1 Uber tuch uf de hohen altar


    1 Wein kanne


    1 Wasser kanne


    10 Ampulleinn (?)


    1 Spuegellkessell


    2 Chor Hemben (?)


    4 Fahnen


    3 grosse leuchter im chor


    1 Roter samet rock unser liebe frawe


    1 rock ebens so sacrament (?)


    1 Arberfarbener rock Pfarrer zu der aufferstehung


    1 Tamastener vorhang vor d. sacramme(n)t (?)


    1 Trep (?) vor De hohen Altar


    1 Roter giessener vorhang uf Unser Liebe Frawe Altar vor de chor


    1 Roter masierter vorhang uf de selbe Altar feriall (?)


    1 Uber tuch



    2 Leuchter uf samtuch unt altar


    1 Gestrickter vorhang schwartz uf der boch (?)


    1 Rote maserirt vorhang


    1 Uber tuch


    2 Leuchter uf samt merlag (?) altar


    1 Rot masirirte Vorhang


    1 Ubertuch


    2 Leuchter zu der newe claus (hier ist vermutlich eine Klüs gemeint, die zu diesem Zeitpunkt (1545) aber bereits hundert Jahre alt war)


    1 masirter vorhang


    1 Uber tuch


    1 bleierner Leuchturm (?)


    1 kupferner Leuchter


    1 Roter giesner vorhang uf sanct bastia altar


    1 gestickter vorhang ist der boch schwarz


    2 Leuchter


    1 Paulum in finis festunita (?) fastimita 1169 (?)




    1 alt rot Seid (?) vor das sacrament und aufferstehung


    1 Gerwin masiert vorhang feriall (?) uf unser liebe Frawe altar


    1 alter gestickter vorhang unt Tuch uf sebastia altar


    1 Eintzell Uber Tuch


    2 Corporall tasth der Kirchen


    1 schwartzer sambt tasth (taft ???) corporall er Adams


    1 Roter corporall tasth (taft ???) er Cristofells (Cristophers)


    1 geringe Fedder bett


    2 tucher geringe


    1 Küssenn, ist kein zichn (Zeichen ?) uber


    1 Handt Faß gehert in die Sacristey

  • Obwohl versucht, aber leider kann ich zur Klärung der Zweifelsfälle nicht beitragen. Ich hätte den Text nur lückenhafter transkribieren können...

  • Ja, das ist schade, aber immerhin danke für den Versuch. Oben beim dritten Fragezeichen hatte ich jetzt noch "rote parreß gerete" gelesen,...aber man kann sich auch da nie sicher sein, zumal die mundartliche, mitteldeutsche Prägung nochmal ordentlich zur Verdunklung der Worte beiträgt.


    Was mich hier wirklich stört, ist dass wir fast nur dieses Dokument über den vorreformatorischen Zustand genau dieser Kirche haben (die letztes Jahr übrigens "Kirche des Jahres war) und ich einfach null verstehe, nicht mal das schon übertragene. Wer hat denn schon ein Federbett in der Kirche liegen? Was sind das für komische Messbücher und was, bitte schön, ist ein Vogelwerk? Weil man ja im Netz verschiendene Ansätze dazu findet, hatte ich einfach gehofft, dass sich hier schonmal jemand näher mit irgendwelchen sakralen oder liturgischen Aspekten historischer Gottesdienste beschäftigt hat oder einfach sehr gut frühe Kanzleikurrent liest.

  • Man müsste ein Spezialist des Zeitalters sein, um mehr aus dem Inventar verstehen zu können. Das ist wirklich frustrierend, wenn man ein Wort klar auslesen kann und über die Bedeutung doch keine Ahnung hat.
    "Verdunklung der Worte" - gefällt mir.
    Ich beschäftige mich wieder mit meinem Lieblingsthema, mit der Geschichte der Juden in Ungarn. Etliche Rabbiner wollten in den 1880er Jahren nach deutschem Vorbild einen Rabbinerverein gründen. (Von der Idee waren aber nicht alle hingerissen.) Es sind diesbezüglich Korrespondenzen erhalten, ich lese gerade solche Briefe. Der eine Rabbiner hatte eine (für mich) echte Sauklaue, ich werde mich mit seinem Brief und meiner Transkription bald melden.

  • Leider kann ich zur Entzifferung des Kircheninventars ſelber nichts weiter beitragen. Ich habe einer Pfarrerin die Liſten vorgelegt, die leider nicht viel dazu ſagen konnte, da es ſich um das Inventar einer katholiſchen Kirche handelt.


    Sie gab mir folgende Erläuterungen mit Links, die eventuell weiterhelfen könnten:


    Ampulleinn -> https://fwb-online.de/lemma/ampel.s.1f

    Chor Hemben -> https://de.wikipedia.org/wiki/Liturgisches_Gewand

    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Chorhemd

    Corporall -> https://de.wikipedia.org/wiki/Korporale

    https://de.wikipedia.org/wiki/Liturgische_Farben -> verschiedene Tücher und Vorhänge -> in der evangelischen Kirche heute als Paramente bezeichnet.

  • Danke für die Links. Mit der Ampel konnte die Funktion eines weiteren Inventarstücks, wenigstens dem Namen nach, aufgeklärt werden. Wie man sich sicher denken kann, ist von den einstigen Stücken durch den 30jährigen Krieg nichts übrig geblieben oder war schon vorher außer Benutzung und in Vergessenheit geraten. Das scheint ein wiederkehrendes Schicksal spätromanischer Kirchen auf dem Land gewesen zu sein, wie man mit ein wenig Suchen auch bei Wikipedia sieht https://de.wikipedia.org/wiki/Dorfkirche_Karow.


    Mir ist auch nicht eine Publikation bekannt, die das mal systematisch untersucht hätte, von evangelischer Seite sowieso nicht, aber auch nicht von den katholischen Nachbarn, die sich jahrzehntelang begeistert auf jedes gegenreformatorische Thema gestürzt haben.