Ein Briefchen - Liebesbrief oder Fürbitte?

  • Liebe Freunde alter Schriften!


    Wie oft quält ſich unſereins durch Gerichtsakten, Kaufverträge, Mahnungen uſw.


    1. Da hat man mal was Schönes und vielleicht Nettes in der Hand und kann es nicht komplett leſen und man weiß nicht mal, ob es ein Liebesbrief oder eine Fürbitte iſt, da man bei dieſem kurzen Text gerade mal die Hälfte entziffern bzw. verſtehen (die letzten vier Zeilen) kann.


    2. Sehr intereſſant finde ich die Faltung des Ganzen. War dies nur ein Zettel, den man lediglich gefaltet und diskret überreichen laſſen hat? Oder war es ein Briefchen, der zum Schluß geſiegelt wurde, von dem leider keine Spur zu erkennen iſt?

    Kann hier jemand die Reihenfolge der Faltung wiedergeben? Leider habe ich nicht das Original, um dies zu rekonſtruieren. Intereſſant finde ich mittig auf der Rückſeite die vier Kürzel, die eventuell die Faltung erklären.


    Jetzt ſeid Ihr dran!


    Der Text:


    Nim Liebes-Betgen Hin Walz ich die

    Heit dhu Schenken dabey die deiner Tauff

    und Meiner Slatgetencken diegabe ist

    zwar klein die Gnate aber groß

    doch wisess ich dies dabey Mach mich

    von Sinten lass dieses winschet

    von Hertzen


    Sigl Syorthon

    den 27ten Märtz

    1817.


    Christianna Soffia Schmidtin

  • Nim Liebes-Batgen Hin Watz ich dir

    Heit dzu Schenken dabey du deiner Tauff

    und Meiner solt getencken diegabe ist

    zwar klein die Gnate aber Groß

    doch winß ich dies dabey Mach mich

    von Sinten loß dieses winschet

    von Hertzen


    Sigl Goethen (Foerthen ???? Soethen)

    den 27ten Märtz

    1817.


    Christianna Soffia Schmidtin


    Nicht ganz so originär wie man meint

    https://books.google.de/books?…20zwar%20klein%22&f=false

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  • Die Korrektur der Korrektur


    Recht ſchönen Dank an “An”!


    Meine jetzige Leſung:

    Nim Liebes Batgen Hin Waß ich dir

    Heit dzu Schenken dabey du deiner Tauff

    und Meiner solt getencken diegabe ist

    zwar klein die Gnate aber Groß

    doch wiseß ich dieß dabey Mach mich

    von Sinten loß dieses winschet

    von Hertzen


    Sig. Foerthen

    den 27ten Märtz

    1817.


    Christianna Soffia Schmidtin


    Das Ganze in heutigen Worten:

    Nim liebe Pathin hin, was ich dir

    heut zu ſchenken, dabei du deiner Tauf

    und meiner ſollſt gedenken. Die Gabe ist

    zwar klein, die Gnade aber groß.

    Doch weis ich dies, dabei mach mich

    von Sünden los. Dies wünſcht

    von Herzen.


    Die Korrekturvorſchläge und der Tip mit dem Briefſteller ſind ausſchlaggebend für die Auflöſung des Spruches. Der Briefſteller muß nicht wirklich die Quelle für diesen Paten-/Segenswunſch geweſen ſein, aber der Verfaſſer des Briefſtellers hat nicht unbedingt alle

    ſeine „Schreibtips“ ſelbst kreiert, letzende hat er aus verſchiedenen Werken, vielleicht auch nur aus dem Volksmund, geſchöpft.


    Die erſten 3 Zeilen ſind inhaltlich mit dem „Paten-Wunsch“ („Complimentarius“, Augsburg 1792, S. 112) identiſch (Dieſer iſt die reinſte Fundgrube!).

    Aus: Pathen-Wunsch.

    Nimm liebe Pathin hin, was ich dir heut will schenken,

    Dabey du deiner Tauf und meiner sollst gedenken,

    die Gabe ist zwar klein, doch wünsch ich diß dabey:


    Von den Wortveränderungen, die durch das Mundart-Schreiben auftreten, ſollte man ſich nicht irritieren laſſen. Der Reſt des Wunſches iſt frei geſtaltet worden.

    Verwirrend ist immer wieder, daß ſelbſt Reime nicht zeilengetreu ſind und man Interpunktion vornahm, wie es einen einfiel.


    Was wird hier mit „Sig“ gemeint sein? Iſt dies die Abkürzung für das Lateiniſche „signi“ für Zeichen oder „signare“ für bezeichnen/verſiegeln oder „signator“ für Unterzeichner? Wer hat hier eine Idee?


    Zum Schluß noch der Ort: Hier habe ich alle möglichen Varianten bei „Frau Google“ eingegeben und bin auf das kleine Dorf „Förten“ in Oſtthüringen, heute ein Stadtteil von Zeulenroda-Triebes, geſtoßen. Seltsamerweise ſchreibt die Schreiberin den Ort mit dem ſelben „S“, wie beim vorhergehenden Wort „Sig“.


    Zur Rückſeite: Da ſo ein Paten-Wunsch chriſtlich motiviert iſt, überlege ich, ob die vier Buchstaben auf der Rückſeite nicht eine Abkürzung lateiniſcher Worte eines chriſtlichen Segens ſind. Es könnte ſogar viermal das große “F” ſein.

    Hat hier jemand eine Idee?


    Da bei dieſem Schriftſtück es ſich nicht wirklich um einen „Faltbrief“ handelt, iſt dieſe Frage erledigt, aber die Reihenfolge der Faltung läßt mir keine Ruhe, zumal ſie der Schlüſſel zur Reihenfolge der Buchſtaben ſein könnte. (Es müſſen hier nicht unbedingt alle vier Buchstaben das große “F” darſtellen! Was leſt Ihr?)


    Wie immer bin ich geſpannt auf Eure geſchätzte Meinung!

  • Zunächst mal lese ich, dass "wiseß" hier keine Grundlage hat, weil "s" nicht im Text steht. Da steht "winß", im besten Falle noch "wintz" oder "winsch".


    Dass solche Sprüche, die hier zu Papier kamen, offenbar mündlich tradiertes Kulturgut waren, macht ihre Abänderung im individuellen Kontext geradezu programmatisch. Die eigentlich entleerten, weil immer wiederkehrenden Worte beziehen ihre Symbolkraft und Sinnhaftigekeit ja vornehmlich aus der Widmung. Man könnte es das Happy Birthday-Phänomen nennen. Oder auch nicht.


    Sig. steht in der Regel für signatum "unterzeichnet".


    Ich weiß nicht, ob die Rückseite wirklich eine Bedeutung hat. Wofür sollen denn die vier "F" in diesem Kontext stehen? Klar, das Jahr würde passen, aber deswegen schlug man zu Taufen ja nicht plötzlich Purzelbäume und machte Hampelmänner.


    Foerthen klingt doch annehmbar. Die Ähnlichkeit zu S und G haben mich da auch total durcheinandergebracht und ohne vergleichbares Material...schwierig.

  • Bei wiseß stimme ich AN zu. Da steht kein s, das ist die Faltung, da steht winß (meint sicher wünsch´).

    Die Faltung scheint um diese Zeit für eine Art Knobelspiel üblich gewesen zu sein, wobei das Rätsel darin bestand die richtige Wiedereinfaltung zu finden. Wie es funktionierte oder gefaltet wurde, weiß ich aber nicht.

  • Da hat ſich doch tatſächlich ein langes “s” durch die Faltung bei mir eingeſchlichen.

    Möglich ist ſchon das die Faltung ein Buchstabe verdeckt, denn ſo hat das Wort “winß” doch eine ſehr große Lücke.

    Ich hoffe ja, daß es mir gelingt, das Original in den Händen zu halten. Sollte es neue Erkenntniſſe geben, ſchreibe ich in dieſen Beitrag hinein.


    Dank noch mal an AN und Ernaburga für ihre Hilfe und kritiſche Durchſicht!