Sütterlin und Co. nach dem Kriege

  • Guten Morgen!


    Ich weiß nicht, ob es ſchon behandelt worden iſt in dieſem Forum. Gefunden habe ich erſt mal nichts. …


    Ich möchte alle Kundigen fragen, ob es hier im Forum oder auch in der Literatur detaillierte Unterſuchungen gibt, welche Auskunft geben, in welchen Zonen, Bundesländern oder Ländern bzw. Bezirken ſeit Kriegsende trotz fehlender Begeiſterung ſeitens der Alliierten und deutſchen Politiker in Oſt und Weſt zum Gebrauch von Sütterlin und Co. gekommen iſt, d.h. vor allem im Schulbereich aber auch außerhalb. Von Bayern weiß man ja, daß man 1950-1955 die Koch-Hermersdorfer als 2. Schulausgangsſchrift lehrte, bevor man ab 1955/56 bis 1971 die „Verkehrsſchrift“ von 1934/35 oder eine daran angelehnte Schrift anſtelle dieſer einſetzte. Natürlich wüßte ich gern, wie die Richtformen etwa in Bayern denn nun tatſächlich ausgeſehen haben, da v.a. hinſichtlich der „Verkehrsſchrift„ es verſchiedene Verſionen im Netz zu geben ſcheint.


    Irgendwo las ich vor einiger Zeit, allerdings ohne daß es konkret wurde, daß es (irgendwo) ſogar bis in die 80er ſo geweſen ſei. Gab es das?


    Und es gibt z.B. auch Publikationen, die eine Bemühung vermuten laſſen, dieſe Schriftgattung in anderen weſtdeutſchen Bundesländern in den Schulbetrieb zu integrieren.


    Mir liegen zwei Sonderausgaben des Oldenburger „Leuchtfeuers“ von 1954 vor, welche „in deutſcher Schreibſchrift für die Grundſchule“ von Hermann Rudolph ediert worden ſind. Sie ſind Ergebnis einer Initiative des Niederſächſiſchen Kultusminiſteriums v. 24.06.1950, indem von dort ein Erlaß erging, daß ſowohl die Fraktura als auch die deutſche Schreibſchrift in die Leſebücher aufgenommen werden mögen, damit die Jugend dieſes leſen könne, was aber eher wie ein Wunſch denn eine Weiſung ausſieht. Die Verleger hatten dann zwar die Frakturſchrift als Übungsſtoff in die Leſebücher augenommen, nicht aber die Schreibſchrift. Daraufhin hatte die Schulbehörde den Oldenburger Arbeitskreis „Leuchtfeuer“ gebeten, entſprechend die Lücke zu ſchließen, in deſſen Ergebnis die zwei Sonderausgaben zuſtande kamen. Durch Erlaß des Kultusminiſteriums v. 26.07.1954 (III/3230/54, Rechb. 144/54) wurden dieſe beiden dann auch für die Volksſchulen Niederſachſens genehmigt. Hier ſcheint die Koch-Hermersdorfer Schrift in Anwendung gekommen zu ſein. Wie lange und in welchem Umfange dieſe im Schulbetrieb Anwendung fand, weiß ich nicht.


    Dann gibt es da die von Hermann Bühnemann veröffentlichte Schrift „Kinder in fernem Land, In deutſcher Schreibſchrift, Kind und Welt, eine Jugendſchriftenreihe„ (Heft 33, Matthieſen Verlag, Lübeck / Hamburg 1964). In diesem Heft aus dem Hamburgiſch-Lübeck’ſchen Raume wurde demnach noch mindeſtens im Jahre 1964 eine Schrift verwendet, welche im Weſentlichen der Verkehrsſchrift von 1934/35 entſprach. Ob dieſes aber im Schulbetrieb integriert war, ließ ſich vorerſt nicht ergründen, war aber wohl für die Jugend gedacht.


    Dasſelbe betrifft auch die im Württembergiſchen erſchienene Broſchüre von Kurt Knittel (Lies Deutſche Schrift. Eine Einführung in die Deutſche Schreibſchrift. Verlag G. Braun, Karlsruhe 1952.) Hier kam ebenfalls die Koch-Hermersdorfer Schriftform zum Einsatz.


    Es ſcheint, daß tatſächlich ab ca. 1950 eine Zweiteilung beſtand, indem in Süd- bis Mitteldeutſchland weſtlich der Elbe eher die Koch-Hermersdorfer Schriftform Verwendung fand, während im Norden mehr die „Verkehrsſchrift“ von 1934/35 Grundlage war. In Bayern wurde dann aber, wie ſchon erwähnt, ab dem Schuljahr 1955/56 ebenfalls zu Letzterer gewechſelt, bis ſie 1971 dort ihr Ende fand.


    In wieweit es in der ſowjetiſchen Zone bzw. in der DDR zur Verwendung der deutſchen Schrift im Schulbetrieb gab, weiß ich bis dato nicht. Im DDR-Duden war zumindeſt bis zur 16. Auflage (bis 1975 nachgedruckt) das deutſche Alphabet zu finden. Bis zu dieſem Zeitpunkt wurden ſogar die ſeit 1942 erſatzweiſe unterſtrichenen s anſtelle des runden s der 1941 abgeſchafften Fraktura im Wortſchatz geſetzt. Das im Duden aufgeführte Alphabet wies gewiſſe Ähnlichkeiten mit der Koch-Hermersdorfer Schriftvariante auf, vereinzelt aber auch mit Sütterlin bzw. der Verkehrſschrift von 1934/35. Dieſes Alphabet ſpeiſt ſich anſcheinend aus verſchiedenen Formen der Kurrentſchrift, ſo jedenfalls mein Eindruck. Ob es in der ſowjetiſchen Zone bzw. ab 1949 in der DDR nur zu einer gelegentlichen Vermittlung dieſer Schriftart im Rahmen des Deutſch- oder Kunſtunterrichts gekommen iſt, ließ ſich erſtmal nicht feſtſtellen. Ich ſelber kann mich nicht erinnern, dieſe Schrift ſeit meiner Einſchulung 1968 für einen weiteren Gebrauch gelernt zu haben. Ich lebte damals im äußerſten Südweſten Thüringens, welches naher Grenzbereich war.


    Ich ſuche alſo nach dieſem zugegebenermaßen langen Text Informationen und auch entſprechende Alphabettafeln bzw. Abbildungen zu Richtformen wie auch Textbeiſpielen (iſt der Menſch doch auch ein viſuelles Weſen), beſtenfalls mit Quellenangaben, welche es ermöglichen, ſich ein möglichſt vollſtändiges Bild zu machen, wie genau es mit unſerer ſchönen alten Schrift nach dem Kriege bis in unſere Tage beſtellt war. Gibt es vielleicht auch perſönliche Erfahrungen? Oder weiß jemand noch Buchtitel ſolcher Lehrmaterialien? Hat jemand gar noch ſolches unter ſeinem oder ihrem Dache?

    Danke ſchon jetzt an alle, die ſich hier hoffentlich zahl- und hilfreich äußern.

  • Ich muss mal schauen, was ich so finde. Da wir in der genau entgegengesetzten Ecke Nordthüringens wohnten (ebenfalls Grenzgebiet), weiß ich auf Anhieb nur, dass dort die vielen Kleinstädte, die nach dem Krieg heilgeblieben sind (ja das ist eine beabsichtigte Doppeldeutigkeit), bis nach der Wendezeit Geld zur Förderung kleinerer Betriebe erhalten bhaben (Polsterer, Lederbetriebe, Fleischerm Modegeschäfte, Büchereien). Dadurch sind viel ältere Firmenschilder neben der DDR-Architektur in den Neubaugebieten, an den Häusern in den Stadtkernen erhalten geblieben. Viele von denen waren in Frakturschrift modelliert und wurden aus werbwirksamen Gründen bis in die Nachwendezeit immer mal wieder erneuert. Weil zusätzlich nichts an den Eigenheimen getan hat, hat sich das Aussehen solher Kleinstädte vonden 30er Jahren bis in die 90er Jahre mit allen Frakturschriften im öffentlichen Raum (auch Straßenschilder), nicht wesentlich gewandelt. Es muss also zumindest Fachleute gegeben haben, die solche Schriften weiterhin gesetzt und modelliert haben.

  • Danke für die Rückmeldung.

    Kann mir aber jemand ſagen, warum die Bayern 1955 von der gefälligeren Koch-Hermersdorfer zur häßlicheren* "Verkehrsſchrift" von 1934/35 (oder war's in Wahrheit doch die "Volksſchrift" von Schemm?) gewechſelt ſind?


    * s. "Die Deutſche Schrift" Nr. 69/1983 S. 29