Tranſkribieren oder Transkribieren – Das iſt hier die Frage!

  • Für Freunde der alten Schrift iſt dieſes Wort wohl eines der Wichtigſten im Vokabular.


    Im Großen und Ganzen ist die S-Regel ganz verſtändlich. Es macht ſich aber ganz gut, bei Unſicherheit zur (letzten) Fraktur-Duden-Auſgabe zu greifen und ich übernahm das dortige "tranſkribieren" mit langem s.


    Mein Sütterlin-Lehrer belehrte mich aber folgendermaßen:

    „Ich glaube da hat der Fraktur-Duden nicht ganz recht, denn das Wort entstand aus den lateinischen Worten "trans" = über und "scribere" = schreiben, demzufolge eigentlich transskribieren.

    Das würde mit Schluss-s und langem Anfangs-s geschrieben werden.

    In der Verkürzung ließ man ein s weg. Für das Übriggebliebene gilt die k-Regel."


    Hier die Frage:

    Iſt dem Duden anno dazumal ein Fehler unterlaufen und gilt hier die k-Regel?


    Wie immer bin ich neugierig auf Eure geſchätzte Meinung!

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  • Hallo Mingo,


    weit entfernt vom definitiven Wissen, stimmt meine Meinung deinem Sütterlin-Lehrer zu und das Gefühl hält es (allgemeiner) mit der k-Regel.

  • Zunächſt muß ich vom Bauchgefühl her, auf Grund ſeiner Begründung, meinem Sütterlin-Lehrer Recht geben (Er iſt übrigens ein penſionierter Gymnaſiallehrer von altem Schrot und Korn!)


    Warum aber „Tranſkribieren“ aus der Reihe tanzt, hat mir keine Ruhe gelaſſen. Beim Durchſtöbern meines Fraktur-Dudens ſtieß ich bei Wörtern mit der Vorſilbe „trans“ auf der ſelben Seite aber noch auf das Wort „Tranſpiration“ („Schwitzen“), welches ſich ebenfalls nicht an die gängige Regel hält.

    Hier aber fiel mir die Fußnote auf, die ich beim Wort „Tranſkribieren“ überſehen habe und dies iſt die Erklärung ſowie die Beantwortung meiner Frage, die ich hier gleich mitliefere.


    Zitat: „Bei den mit „trans“ zuſammengeſetzten Wörtern fällt vor den Lautgruppen „ſk“, „ſp“, „ſz“, das „s“, wie ſchon im Lateiniſchen, in der Regel aus; man ſchreibt daher: tranſkribieren, tranſpirieren, tranſzendent uſw. Vor „ſ“ mit folgendem Selbſtlaut bleibt das „s“ in der Regel ſtehen, z. B. Transſudat.“


    Alſo haben wir es bei den Worten „Tranſkribieren“ und „Tranſpirieren“ mit einer Ausnahme von der Regel zu tun.


    Jetzt könnte ja jemand auf die Idee kommen: das merkt ja eh keiner, ob bei dieſem Wort das falſche „s“ verwendet wurde. Ich für meinen Teil, was Rechtſchreibung und Grammatik betrifft, bin bei vielen Dingen unſicher und daher bemühe ich mich ſtets um eine korrekte Schreibweiſe und überprüfe mich immer wieder. Hier gibt es eben ſchon genug Oberflächlichkeit in der Welt.


    Ich bedanke mich hier noch mal bei Ernaburga, die mir, bei nicht immer einfachen Fragen, Löſungen oder zumindeſt gute Denkanſtöße gegeben hat!

  • Also zum Verständnis.

    Das s der Vorsilbe trans wird zur Vermeidung einer ss-Bildung weggelassen?

    Und das ergibt sich aus dem Latein.

    Interessant, gibt es solcher Dinge noch mehr zu finden? Mein Latinum hat nie stattgefunden.

  • Es handelt sich um einen Sibilanten in indogermanischer Urform [r] als Inlaut und r kürzt sich raus, wie wir in unserer großen lateinischen Sprachgeschichte alle gelernt haben. Das ist also keine Willkür sondern eine logische Lautentwicklung. trans hat übrigens uls verdrängt, wie es uns manchmal noch in der Präposition ultra (einigen hier bekannt aus dem Kompositum ultrarechts) begegnet. Die Parallelen sind deutlich, wenn es auch beim zweiten Wegfall etwas mit der Lautkürzung vor Konsonanten zu tun hat. Ein extremes Beispiel für so eine Lautkürzung ist übrigens die Tradition (*transdare = weitergeben). Hier fiel auch der Nasal vor dem Plosiv weg. Ich kenne Leute, die können einem sogar ausrechnen, wieso das so war.


    Ich persönlich kann das nicht, ich habe mich für sinnstiftende Tätigkeiten entschieden.

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  • Vielleicht hilft ein Blick in das Langenscheid-Wörterbuch Latein-Deutsch:

    "umschreiben, abschreiben - trān-scrībere".


    Dies dürfte die Annahme bestätigen, daß bei der Zusammenzuiehung von trans und scribere zur Vermeidung eines doppelten ss das

    schluß-s von trans wegelassen wird.

  • Interessant. Ich hätte einfach die Regel befolgt, daß Fremdwörter im Fraktur- oder Kurrenttexten in lateinischer Schrift geschrieben werden und da braucht es ja nicht zwingend ein Lang-s. ;-)

    Ich habe eine feste Meinung - verwirrt mich nicht mit Tatsachen!


  • Na ja, man kann natürlich auf das lang-s verzichten, aber spannend ist die Frage doch, die von mingo28 gestellt wurde.

    Ich hab dazu noch einen Textausschnitt aus einem Buch von 1816 begefügt - wie zu sehen das Wort mit lang-s.

  • Wir sollten nicht Ursache und Wirkung verwechseln, das Herauskürzen des doppelten s hat linguistische Gründe, die Frakturschrift passte sich dieser Kürzung an.


    Was mich mal interessieren würde, wäre, ob es, wie auch immer gerartete oder systematisierbare Parallelen zum ß gäbe. Ich meine, ich hätte im Verwaltungsschriftgut, frühes 19. Jahrhundert auch schon tranßcribiren gesehen.

  • Gedruckt habe ich diese Form in deutschem Text nicht finden können, aber erstaunlicherweise folgenden gedruckten lateinischen Text aus einer Spätinkunabel:

  • Mhm, durchaus ungewöhnlich und ein Argument mehr für die sprachgeschichtliche Deutung. Gehen wir hier vom scharfen s oder Zischlaut als der im christlichen Mittellatein vorherrschenden Form von c aus, weicht das Innen-s einem tatsächlichen Hiat zwischen zwei Zischlauten. Um es mal zu verdeutlichen tranz - zribere. Das scheint auf bestimmte Mundarten zurückgegangen zu sein, umso erstaunlicher, dass es sogar bis in die Inkunabelherstellung hineinreichte.