Blaue Tinte

  • Liebe Forumsmitglieder,


    seit wann ist blaue Tinte eigentlich bei Briefen üblich geworden? Ich würde auch gerne wissen, ob alle alten Briefe (bis ca. 1920) immer nur mit schwarzer Tinte geschrieben wurden. Heute gibt es ja diverse Farben, doch erinnere ich mich nicht, bunte Tinten in historischen Briefen gesehen zu haben.


    Grüße

  • Wenn ich mir alte Kirchenchroniken anschaue, entdecke ich Aufhellungen und "Verbläulichung" der Schriift erstaunlich spät, meist erst nach 1945. Das dürfte wohl mit einem langsamen Verschwinden der Schreibfeder und ihrer Schreiber aus dem späten 19. Jahrhundert zusammenhängen, wie auch mit der schrittweisen Verbesserung und Durchsetzung der Füllfederhalter als Massenprodukte in der ersten Hälfte des 20 Jahrhundert (besonders seit den späten 30er Jahren). Für die waren alte Tintensorten (wie Eisengallus) ja vollkommen ungeeignet.


    Bunte Tinten sehe ich übrigens häufig im Archiv, v.a. grüne zu Beginn des 19. Jahrhunderts (für besonders edle Kalligraphie und kunstvoll gestaltete Gedichte, aber auch in der Verwaltung usw.). Für Bemerkungen, aber auch oft zur Anfertigung von Copialen sieht man gelegenlich auch rote Tinten.

  • In einem (von mir oft zitierten) Haushaltsbuch, das über Jahrzehnte geführt wurde, finden sich am Ende (um 1880) 3 Tintenrezepte zum Selbermachen. Lieſt man ſie, ſo kommt die Vermutung auf, daß dieſe aus Zeitschriften entnommen wurden. Überſchrieben wurden dieſe:


    „No. 6.“

    „Rothe Tinte zu machen.“

    „N 1 Schuldinten.“


    Bei „No. 6“ heißt es:

    „Dieſe Tinte ſchimmelt nicht, wird auf den Pabier

    nicht gelb, noch braun, ſondern nimt an Schwärze

    imer mehr zu.“


    Der Schreiber hatte aber bei der Verwendung dieſer ſchwarzen Tinte auf einigen Seiten Pech gehabt. Das Geſchriebene ist, ſehr zu meinem Leidwesen, faſt bis zur Unleſerlichkeit zerlaufen.


    Bei „Rothe Tinte machen“:

    Die Zutaten sind mir zum Teil ſchleierhaft; in der Schlußbemerkung heißt es:

    „ … wodurch man eine

    rothe ſchöne Tinte bekomt.“


    Und bei "N 1 Schuldinten":

    Wenn man die Beſchreibung lieſt, glaubt man ſich in einer Alchimiſtenküche zu befinden. Der Schlußſatz:

    „In 2 bis 3 Tagen iſt

    Sie brauchbar, u wird je

    älter, deſto beſſer, u es ſetzt sich auch

    kein Schümel an.“

    Leider wird offengelaſſen, welche Farbe hier hergeſtellt werden ſoll. Aber ich vermute ſchon mal blau und für den Schulunterricht gab es mit Sicherheit Vorschriften.

    Allgemein hat der Text in dieſem Buch eine hellbraune Farbe angenommen. Wie das mit dem Schimmel gemeint ist, iſt mir unklar.

    Rote Tinte habe ich bisher noch in keinem Brief gefunden. Jedoch finde ich ſie in der Kartographie. Die Urkarte meines Heimatdorfes in Thüringen wurde 1873 erſtellt, der Großteil des Begleittextes wurde mit ſchwarzer Tinte eingetragen, jedoch bei den Flurgrenzen und einigen Flurbezeichnungen wurde rote Tinte verwendet und es wurden immer wieder Änderungen (Streichungen von Flurstücksgrößen) mit roter Tinte vorgenommen.


    Rote Tinte iſt nun mal durch ihre Auffälligkeit für Briefe ſicherlich ungeeignet. Ich kann mir die Verwendung nur im damaligen Beamtenbereich (Schule, Verwaltung) vorſtellen und da am ehesten zu Korrekturzwecken.

    Einmal editiert, zuletzt von mingo28 ()

  • Was die Verwendung von Tinte zu Korrekturzwecken betrifft, so muss ich sagen, das sich in amtlichem Schriftgut zu Beginn des 19. Jahrhunderts kaum gute Tinten finden. Erstaunlich häufigwurden Konzepte mit sehr dunklen Eisengallus-Tinten verfasst und Bemerkungen mit Blei- oder Kohletsift ergänzt. Für ordentliche Reinschriften nahmen die Sekretäre dann häufig Bister oder sogar Tusche. Das hing wohl auch mit dem Sparzwang bei Büruetats staatlicher Beamter zusammen. Mir sind öfter mal Fälle untergekommen, in denen der Sekretär eines Amts rausgeschmissen wurde, weil er durch zu starkes Aufdrücken beim Schreiben zu viel Tinte verschwendet hat.

  • Eine kleine Abweichung vom Thema - entschuldigt bitte!


    Heute habe ich Ausschau nach blauer Tinte von der Barock GmbH gehalten und feststellen müssen, daß es diesen Traditionbetrieb seit 2011 nicht mehr gibt. :(

    Kann mir jemand sagen, von wo man noch welche beziehen kann?

  • Nicht billig: Manufactum.de; die dokumentenechte blaue Tinte kostet dort richtig Geld.

    Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und
    Zukunft ist [...] eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige.

    Albert Einstein (1879-1955)

  • Vielleicht war es ein Mißverſtändnis: Sicherlich bietet Manufactum erſtklaſſige Tinte an. Ich be es aber so verſtanden, daß in deren Geschäft noch Tinte/Tusche von Barock GmbH angeboten wird. Eventuell das eine Firma die Rechte der Barock GmbH übernommen hat und deren Tradition in Sachen Tinte weiterführt.

    Mir ist auch nicht klar, ob ich Tuſche auch bedenkenlos im Füllhalter verwenden kann (auf dem Foto „Barock Zeichentusche schwarz“).

    Schließlich ſoll der Füllhalter möglichſt lange halten und mein Geſchreibſel ſoll noch in 100 Jahren auf dem Papier leſbar ſein.

  • Um das mal nicht zu vergessen: ein Vermögen für Tinte auszugeben, bleibt ja jedem selbst überlassen, aber meiner Erfahrung nach, ist meist das erste, was nach langer Zeit verschwindet, nicht die Tinte, sondern das Papier auf dem sie geschrieben steht. Wer will, dass seine Ansichten die Zeit überdauern, sollte sich strikt an die Regeln für Langzeitaufbewahrung halten (z.B. kein Tesa, kein Metall, keine Überstände in Papierstößen, keine Bündelung mit Schnur), konstante Klimabedingungen ermöglichen und säurefreies Papier nehmen, das nicht nach 70 bis 80 Jahren diesen netten Selbstzerstörungseffekt zeigt. Dann klappt's auch mit dem Historischwerden.

  • Vielleicht war es ein Mißverſtändnis: Sicherlich bietet Manufactum erſtklaſſige Tinte an. Ich be es aber so verſtanden, daß in deren Geschäft noch Tinte/Tusche von Barock GmbH angeboten wird. Eventuell das eine Firma die Rechte der Barock GmbH übernommen hat und deren Tradition in Sachen Tinte weiterführt.

    Mir ist auch nicht klar, ob ich Tuſche auch bedenkenlos im Füllhalter verwenden kann (auf dem Foto „Barock Zeichentusche schwarz“).

    Schließlich ſoll der Füllhalter möglichſt lange halten und mein Geſchreibſel ſoll noch in 100 Jahren auf dem Papier leſbar ſein.

  • Ich habe die Ausführungen mit Interesse gelesen. Also ich würde Tusche niemals in einem teuren Füllhalter verwenden (Kolbenfüller). Mir ist von Kalligraphiekursen bekannt, daß ein Teilnehmer seinen Mont-Blanc mit Tusche ruiniert hat. Die Tusche ist bei langer Nichtverwendung dermaßen eingetrocknet, sie ließ sich mit heißem Wasser nicht mehr auflösen. Wenn ich mal mit Tusche schreibe, verwende ich noch ein 80 Jahre altes Tusche-Schreibset der Fa. MAHO Präzisionsmetallwerk. Das Set ist jedoch ursprünglich für technische Zeichnungen auf Transparantpapier gedacht.

    Tusche besteht aus Wasser, Schellack als Bindemittel und lichtechten Pigmente als farbgebende Bestandteile. Wenn Tuschereste eintrocknen (auf Metall) kann man sie später als klebrige Masse mit dem Fingernagel abreiben, nach langer Zeit als Brösel wegschaben. Tinten im heutigen Sinne wurden bereits vor Christi Geburt angewendet. Sie bestanden meistens aus eisenhaltigen Flüssigkeiten. Im Mittelalter war die allgemein übliche Tinte eine Eisengallustinte. Diese Tinten sind auch im Füllhalter absolut ungeeignet. Nach Aufkommen neuer, wasserlöslicher Farbstoffe, mit der Weiterentwicklung der synthetischen Farbstoffe traten diese Tinten in der Verwendung immer mehr zurück. Die heutigen Füllhaltertinten sind reine Farbstofftinten.

    Die Weiterentwicklung der Tusche ist mir nicht geläufig, wenn Tuschen oder Tinten in einem Füllhalter Verwendung finden, muß dies ausdrücklich in der Produktbeschreibung angegeben sein. Mein altes Tusche-Schreibset besitzt ein Reservoir, dieses muß auch nach Verwendung ausgewaschen und gereinigt werden.

    Ich wollte mit diesem Beitrag nur Sorge tragen, nicht daß ein Füllhalter-Sammlerstück sein jähes Ende findet.