• Kenn Mathilde, dufter Kunde!


    Die Wandervögel und Pfadfinder sind auch cochemer Jente und tippeln auf dem linken Trittchen fechtend und dalfend zu den Kaffern, machen Platte bei Mutter Grün, kennen allerhand Kundenschall und sind einer Finne Soruff selten abgeneigt.


    Gleiches Miljöh > gleiche Sprache!


    Scholem legem!
    Oliver

    Ich habe eine feste Meinung - verwirrt mich nicht mit Tatsachen!

  • Innerhalb dieser Gruppe gibt es einen Teil der sich der "JugendbewegunG" bzw. der "Bündischen Jugend" zugehörig fühlt.


    Beides waren späte Ausläufer der Romantik. Die Vorbilder dieser Jugendlichen waren die fahrenden Scholaren des Mittelalters, die Pachanten und teilweise die Vagabunden und Tippelbrüder. Ein anderes Vorbild wahren die "fahrenden Spielleute" des Mittelalters (Menestrels, Goliarden, Pfeifferbrüder, Trouveres, Barden) und Schinderhannes´ Räuberbande.


    Dementsprechend gewandet gingen diese Gruppen (bis heute) auf Fahrt (Fahrt bezeichnet eine mehrtägige besondere Form der Fußwanderung): Mit urigen Mänteln, Lederhosen und Wilddiebshüten auf dem Kopfe, die man irgendwo einer Vogelscheuche geklaut hat. Immer dabei war die "Klampfe" (Gitarre). Man sammelte Volkslieder und Landstreicherlieder und fühlt sich als Teil des "Fahrenden Volkes".


    Dieses Milieu hatte gewisse Schnittpunkte mit dem Kundenmilieu. Die gleiche Erfahrungswelt (= Tippeln auf der Landstraße) brachte einen ähnlichen Wortschatz hervor. Viele Jugendliche die das Fahrensleben gewohnt waren, gingen später als Handwerker auf die Walz. "Die Fahrenden Gesellen" waren eine kaufmännische, bündische Jugend, die ganz geziehlt Anleihen am Wandern der fremdgeschriebenen Zimmerergeselllen machte. Hinzu kamen Ausdrücke aus der Schülersprache, die dem Rottwelschen entstammten.


    Dies alles gilt in sehr unterschiedlichem Maße für die einzelnen Gruppen von heute. Da findest Du heute Gruppen die am Lagerfeuer englische Popsongs singen und andere für die ist "Wir drei wir gehn jetzt auf die Walz" ein Lied ist, welches genau ihr Lebensgefühl ausdrückt. Solche Gruppen kennen dann auch Ausdrücke wie "fechten" (= bei Bauern um Essen betteln), "schallern" (= Straßenmusik machen) oder "klotzen" (= große Strecken wandern).


    Dabei ist die Sprache der Bündischen Jugend heute kein reines Rottwelsch, sondern viele Ausdrücke sind auch aus der Jugend selbst gekommen.


    Neben den heute wieder verstärkt anzutrefenden Fremdgeschriebenen der Handwerkerschächte dürften die fahrenden Jugendlichen die letzten sein, die Begriffe aus dem Kundenrottwelsch aktiv benutzen. Das einstmals stolze deutsche Kundentum und die Orientkunden sind Geschichte. Die Lieder und Traditionen und auch die Sprache sind in den KZs des Dritten Reiches brutal ausgerottet worden. Heutige Obdachlose, Monarchen, Berber etc. knüpfen kaum an die alte Kultur an. Sie haben auch mit dem alten LANDSTREICHER keinen Lebensstil gemeinsam, sondern sind wesentlich ortsfester INNERHALB der Städte unterwegs.

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  • Einmal für mich,
    dass das ein Dialekt ist habe ich verstanden, aber der muss doch
    auch in eine Region oder zu einem "Volk" gehören als irgendwelchen Bewegungen?

  • :D:D:D :lol: :lol: :lol:


    Oben steht es, aber keiner hats gemerkt: "Kundenmilljö"!


    Ein "dufter Kunde" bezeichnet im Rottwelschen soviel wie einen "echten Landstreicher". (Also ein "Kundiger", der die Landstraße kennt...).


    Diese gliedern sich wiederum in "Speckjäger und Käsbrotgeiger", "Landstreicher und echte Kunden", "Orientkunden" und "Monarchen".


    Frag jetzt nicht, sondern google mal ein bischen oder schau bei Wikipedia rein, denn das ist eine sehr komplexe Welt....

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  • Also das Rotwelsche gehört(e) zu den Geheimsprachen.
    Zweck:
    1. Geheimhaltung von Informationen
    2. Schutz und Abwehr von Gefahren
    3. Mittel zur Täuschung um sich geschäftlichen Vorteil zu verschaffen
    4. Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu signalisieren.


    Im Unterschied zu Berufssprachen, wo für spezielle Dinge ein bestimmter (Fach-) Begriff gebildet wurde, wurden für Geheimsprachen spezielle (codierte) Wörter für allgemeinse Begriffe gebildet.


    Eine Kommunikation kann dann auf diese Weise nur in der Gruppe stattfinden.
    Es gibt zahlreiche eigene Wörter und Wendungen (Lexik) bei geringer grammatischer Veränderung der Sprache (sp. Syntax).
    Häufige Entlehnungen (viel Jiddisch).
    Bedeutungsverschiebungen und Neubildungen aufgrund eines zu starken Bekanntwerdens der alten Begriffe war auch möglich.
    Und nicht zuletzt ist Rotwelsch wohl eine sehr bildhafte Sprache mit vielen Metaphern.
    Teilweise Orientierung am Allemannischen Dialekt.


    Der Begriff Rotwelsch ist derweil schwer faßbar, da er sowohl für eine Zusammenfassung vieler Geheimsprachen steht, als auch für die Gaunersprache speziell. Das liegt daran, daß sich viele Geheim-, Gruppen- und Sondersprachen am ursprünglichen Rotwelsch bedienten.


    Der Begriff Rotwelsch ist seit 1510 nachweisbar, aber wahrscheinlich viel älter.


    Ähnliche Sprachen sind auch von anderen Völkern bekannt, wie "Argot" für die Franzosen oder "cant" der Engländer.

  • Ich würde noch einen 5. Punkt hinzufügen:
    Ausdruck eines Lebensgefühls.


    Denn Begriffe wie "Brotladen" für "Mund" und "Sehnsucht" für "Würste" oder "Mutter Grün" für "Wald, Natur" enbehren nicht der Poesie und des Mutterwitzes! :wink:

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  • Etwas verwirrend ist für mich immer noch die Abgrenzung zur "jenischen Sprache".
    Du hattest oben ja schon geschrieben, daß das Rottwelsch ein schimmernder Begriff ist. Ich verwende es hauptsächlich zur Bezeichnung der Sprache der Landstreicher ("Kunden") und Fahrenden.
    Das Jenische (1) hat sehr viele Schnittmengen mit dem Rottwelschen ist aber m. E. noch exotischer. Während im Kundenrottwelsch viele deutsche Begriffe in der Bedeutung umgemünzt oder aus dem jiddischen eingedeutscht sind, klingt im jenischen noch das Mani und andere Zigeunersprachen durch, ist also noch schwerer zu verstehen. Mich würde interessieren, wer das früher gesprochen hat, ob es sich da wirklich um eine andere soziale schicht handelt, oder ob es sich nicht nur um andere geographische Räume handelt.





    (1) Jenische sind heute die "europäischen Zigeuner", also Fahrende, die einen anderen Ursprung haben, als die aus Rumänien/Indien stammenden Sinti und Roma. Jenische haben häufig blaue Augen, man nimmt daher an, daß sie Überreste innereuropäischer reisender Völker sind. Sie leben heute vor allem in der Schweiz und im Südwestdeutschen Raum bzw. Elsaß.


    Daneben bezeichnete es früher (und hier!) die Sprache der Gauner und Diebe, der "cochemer Jente" (="schlauen Leute").

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  • Wie Du schon schreibst, Oliver, Jenische sind europäische Fahrende, die man wohl zu den Zigeunern rechnen würde, wenn dieser Begriff eine weiten Begriffsumfang hätte. Die jenische Sprache beschränkt sich auf Sprecher dieses teilweise ehemals) fahrenden Volkes, das sich ja erst seit einigen Jahrzehnten nach außen öffnet. Die geographische Lage ist wie Du sie beschreibst( Dtl. ca. 400.000, Öst.rch.+ Schweiz ca. 80.000 Jenische, nur noch 10% fahrend), einer soziale Gruppe möchte ich es nicht recht zuordnen, sondern nur dieser Volksgruppe.
    Das Jenische hat eine "eigenen" Wortschatz von ca. 1000 Wörtern, d.h. zum Deutsch unterschiedlichen Wörtern, die es aber teilweise mit anderen Sprachen gemein hat. Manche Wissenschaftler sehen daher das Jenische als Dialekt des Rotwelsch an.


    1997 wurde Jenisch als territorial nicht gebundene Sprache der Schweiz anerkannt!

  • Sehr interessant, Franz. Ich habe schon ein wenig in den Veröffentlichungen der "Radgenossenschaft" (so eine Art Selbsthilfeeinrichtung der Jenischen) gelesen. Dieses Volk wurde ja in der Schweiz unterdrückt, Kinder in Landheime gesteckt usw.


    Trotzdem denke ich, daß der Begriff auch noch eine weitere Bedeutung hat. "Die Cocemer Jente" als Jenischsprecher und Sänger des "Jenischen Schall" sind m. E. nicht unbedingt mit dem heutigen Jenischvolk identisch (Schnittmengen gabs wohl). Die Lieder deuten landschaftlich in ganz andere Gefilde und die Gewitztheit der Texte mit hauptsächlich kriminellen Inhalt halt meiner Meinung nach viel mehr mit dem Gaunertum allgemein als mit einem Kesselflicker- und scherenschleifervolk zu tun. Nun denn, das ist sehr schwierig, weil vieles nur mündlich weitergegeben wurde.

    Ich habe eine feste Meinung - verwirrt mich nicht mit Tatsachen!

  • Ohne mir die vorhergehende Beiträge durchzulesen (das hole ich nach), stellte ich vor einiger Zeit beim Fernsehen fest, dass es das Rotwelsche tatsächlich noch gibt. Eine Doku über Obdachlose in (ich glaube) München erstaunte mich. Der ältere Herr redete von "Kunden" (wohl anderen Bettlern) und "auf Platte gehen" (also Betteln). Das finde ich faszinierend. Werde mir wohl ein Buch darüber kaufen. Ob es wohl die Gaunerzinken (Geheim-Zeichen an Häusern) noch gibt?

  • Ja, es gibt diese Zinken noch, ja, es sind sogar neue Zeichen hizugekommen, um beispielsweise auf Alarmanlagen oder Kameras hinzuweisen - auch hiere nleint die Zeit offenbar nicht stehen. (es war ein Zeichen wie dieses: ♂, nur das der Pfeil genau da hin weist, wo die Kamera entdeckt wurde - habe darauhion das Haus angegangen und fand in einen Ziegel gekratzt eine 2. Markierung)

  • Ja, es gibt diese Zinken noch, ja, es sind sogar neue Zeichen hizugekommen, um beispielsweise auf Alarmanlagen oder Kameras hinzuweisen - auch hiere nleint die Zeit offenbar nicht stehen. (es war ein Zeichen wie dieses: ♂, nur das der Pfeil genau da hin weist, wo die Kamera entdeckt wurde - habe darauhion das Haus angegangen und fand in einen Ziegel gekratzt eine 2. Markierung)


    Sehr interessant! Ich bin noch Gaunerzinkenjungfrau. Ich hoffe, diese auch mal zu Gesicht zu bekommen.

  • Gibt es eigentlich in anderen Sprachen auch Geheimsprachen wie das Rotwelsch? (Bestimmte Soziolekte sicherlich. Aber das Rotwelsche hat nach meiner Vorstellung schon eine besondere Ausprägung - oder?)

  • Gerade bei "Menschen bei Maischberger" auf dem 3Sat gesehen: Die Gaunerzinken werden wieder modern! Auch durch eingewanderte osteuropäische Räuber werden die Gaunerzinken in den letzten Jahren wieder häufiger an Briefkästen oder Mauerwänden verwendet. Mal abgesehen von den Verbrechen, finde ich die Gaunerzinken faszinierend. Es scheint sich um dieselben Gaunerzinken zu handeln, die auch Einheimische verwenden.

  • Davon stand auch neulich in einer Zeitung.
    Es gibt auch ein Zeichen das besagt, daß hier nichts zu holen ist.

    Die meisten Schriftsteller verstehen von der Literatur nicht mehr als die Vögel von der Ornithologie.
    Marcel Reich-Ranicki