Fortführung von Werken in Frakturschrift bis in die Nachkriegszeit

  • Der Beitrag hinsichtlich der Umstellung auf Antiqua-Schrift für den Duden (siehe die Rubrik Kurrentschrift) und kann nicht etwa für alle Lexika u.ä gelten.


    Tatsächlich gibt es bedeutende Werke, die anscheinend unverändert in der Nachkriegszeit in Frakturschrift weitergeführt wurden.


    Es handelt sich dabei um grundlegende Werke in den dogmatischen Wissenschaften Theologie und Rechtswissenschaft.



    So erscheinen die vielen Kommentarbände der Serie "Das Neue Testament Deutsch" noch bis Ende der 60er Jähre in Frakturschrift. In meiner Bibliothek befindet sich ein Band aus dieser Reihe "Die Apostelgeschichte" in Fraktur noch aus dem Jahre 1968. Ein Beispielsbild ist in der Anlage beigefügt.


    Der umfangreichste Kommentar im Zivilrecht, der "Staudinger", wurde sogar bis in die 70er Jahre in Fraktur fortgeführt. Gegenwärtig wird auf ZVAB ein Band dieser Kommentierung in Frakturschrift aus dem Jahre 1975 angeboten.


    Ich gehe davon aus, daß nach der Umstellung auf Frakturschrift diese beiden Werke in der Kriegszeit überhaupt nicht neugedruckt worden sind, so daß in der Nachkriegszeit ohne Probleme die Werke in neuer Auflage wieder in Frakturschrift erscheinen konnten.

  • Für mich ſtellt sich hier immer wieder die Frage, wie lange haben die Schriftgießereien nach dem Schriftenerlaß 1941 noch Frakturbleiſätze produzieren dürfen? Gab es da eine Verordnung der Nationalſozialiſten? Schriftgießereien betrachte ich mal als Dienſtleiſter für die Druckindustrie. Ab wann hat dann die Druckindustrie keine Frakturbleiſätze mehr angefordert bzw. anfordern dürfen? Mußten die Schriftgießereien einen Großteil der Frakturbleiſätze einſchmelzen – ich könntemir das vorſtellen.


    Während des Krieges herrſchte natürlich Materialmangel, ſomit eine Umſtellung nicht von heut auf morgen möglich geweſen wäre. Und ich kann mir vorſtellen, daß die alten Bleiſätze, was nach dem Krieg noch vorhanden war, auch bis zur Abnutzung verwendet wurden, denn hier und da tauchen ſie immer wieder auf.

    Aber bis zur Digitaliſierung vergingen noch ein paar Jahrzehnte und die Leſer hatten sich nach dem Krieg an die Antiqua-Schriften gewöhnt, egal ob in Zeitungen oder Bücher. Überhaupt hatte man ja andere Sorgen.


    Und irgendwann tauchte die Mär von den „Nazi-Schriften“ auf – das leidige Thema.


    Das ſind insgeſamt meine Theorien. Möglicherweiſe liege ich nicht ganz richtig. Möglich wäre es auch, daß dieſes Kapitel der Druckgeſchichte noch im Dunkeln liegt.


    Was meint ihr dazu?

  • Ich kann nur wenig zur Aufhellung beitragen, vor allem kaum Belegbares.


    Die Masse des Fraktursatzes wird schon vor hundert und mehr Jahren auf Linotype-Maschinen gesetzt worden sein. Es würde sich das "Überleben" dieser Schriften wohl auf die Messingmatrizen beschränken, die in den Druckereien wohl kaum jemand weggeworfen hat. Blei müsste man hierfür nicht aufheben.


    Was die Handsatzschriften für Überschriften und Akzidenzen angeht, so wird sicher nicht einheitlich verfahren worden sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Frakturschriften irgendwo im Keller gelagert worden sind, denn die hatten schließlich ja mal richtig Geld gekostet. Es mag natürlich auch Betriebe gegeben haben, deren Leitung so vom ewigen Fortbestand des Systems und seiner Weisheiten überzeugt war, dass man Schriften entsorgt hat.


    Dass es über die Behandlung der Bestände Vorschriften gegeben hätte, ist mir nicht bekannt. Bei der sehr kurzen Lebensdauer des Schriftenerlasses schätze ich seine Auswirkung auf die Bestände als eher gering ein.


    Die inländischen Schriftgießereien werden allerdings wohl kaum noch Schriften produziert haben, für die kein Bedarf mehr vorhanden war.

    Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und
    Zukunft ist [...] eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige.

    Albert Einstein (1879-1955)

  • Der Frakturerlass hat meines Wissens ein Auslaufen vorgesehen und war keine plötzliche Umstellung.

    Fraktur hat es auch auf Linotype und Monotype gegeben. Schätzungsweise ab 1900-1910. Diese mussten für den Maschinensatz neu geschnitten werden, weil der Maschinensatz keine Unterschneidungen (z. B. Kopflinie beim f) zulässt. So ist z. B. bei der von Linotype geschnittene Breitkopf-Fraktur die Kopflinie kürzer als beim Original. In den 1970ern wurde stark auf Fotosatz umgestellt, für Tageszeitungen brauchte man aber immer noch Bleisatz, wurde dann aber Fotopolymerplatten und damit fotografische Verfahren umgestellt. Ein paar Frakturen von Linotype wurden ca. 1991als Computerschriften digitalisiert.

    Im Akzidenzsatz wird Fraktur immer noch verwendet für Visit-, Speisekarten, Kranzschleifen, Schilder, Stempel etc.

    Entworfen, geschnitten und produziert wurden Frakturen noch lange ins 20. Jahrhundert hinein. Müsste einmal in der Kartei des Verbandes der deutschen Schriftgiessereien nachgraben, wann das aufgehört hat. Ich hab die Kartei in einer eigescannten Version bis ca. Mitte der 1950er.

  • Die Bände der bibliophilen Buchreihe "Die andere Bibliothek" wurden bis 1996 noch in Bleisatz gedruckt. Kurz zuvor hatte ich noch die Druckerei besucht. Der Drucker zeigte mir seine Monotype und erzählte mir, dass es nur noch einen 80 jährigen Schweizer gebe, der in der Lage sei, beschädigte Matritzen zu reparieren oder neu herzustellen.

    Entscheidend ist also nicht, wie bereits in dem Beitrag von "Alter Fritz" ausgeführt, ob es genügend Bleilettern gab, sondern ob es dazu Matritzen gab. Auch diese können noch wieder hergestellt werden, wenn der zugehörige Stempel zur Verfügung stand.

    Das erklärt auch, daß es bis in die 70er Jahre, wie in meinem obigen Beitrag ausgeführt, noch juristische und theologische Kommentare gedruckt wurden, die sicher in jedem Pastorat/jeder Pfarrei bzw. jedem Gericht vorhanden waren.