Sprachstatus/Verständlichkeit des Plattdeutschen

  • Soweit ich informiert bin, ist es in der Sprachwissenschaft strittig, ob das Plattdeutsche/Niederdeutsche (oder besser gesagt: Niedersächsische) eine eigene Sprache, oder nur eine Mundart des Hochdeutschen ist. In meinen Augen ist es eine eigene Sprache, die aber aufgrund der Verwandtschaft mit dem Deutschen, sowie gewissen Wechselwirkungen, dem Deutschen sehr nahe steht. Hängt man den Sprachstatus von der im 7. Jahrhundert beginnenden 2. Lautverschiebung (hochdeutsche Lautverschiebung) ab, die viele germanische Dialekte in Deutschland von anderen Dialekten unterscheidet (z. B. p wird zu f - aus ship wird shiff - heute: Schiff), so ist Plattdeutsch eine eigene germanische Sprache. Macht man es abhängig von der reinen Verständlichkeit, wird es fraglicher. Englisch, Niederländisch und Friesisch merkt man eine Verwandtschaft mit dem Hochdeutschen an. Jedoch ohne gezieltes Lernen wird ein Hochdeutschsprecher diese Sprachen nicht verstehen. Andersherum genauso. Beim Plattdeutschen ist es nicht ganz so stark ausgeprägt. Vielleicht täusche ich mich aber auch. Ca. 20 % des plattdeutschen Wortschatzes bestehen aus komplett anderen Wörtern als im Hochdeutschen. Dazu kommt eine andere Aussprache und ein anderer Satzbau. Als Niedersachse verstehe ich selber Platt recht gut. Aktiv sprechen vermag ich es aber noch nicht.


    Wie gut versteht ein Hochdeutschsprecher der in keiner plattdeutschen Gegend aufwuchs, und der am Besten auch kein Englisch kann, Plattdeutsch? Zumal das Plattdeutsche sehr viele Dialekte hat. Insbesondere das ostfriesische Platt hat einen starkten friesischen Einschlag.


    Hier ein Überblick über die Dialekte von Marron C. Fort (dunkelhäutiger Sprachforscher aus Amerika, der besser Platt kann, als viele Niedersachsen): http://www-a.ibit.uni-oldenbur…isverlag/hv1/9a2-fort.pdf


    Hier ein lustiges Video mit einer jungen Nachwuchsband, die auf Platt singt, welches dem Platt meiner Region gleichkommt:



    Und hier ein Plattvideo aus Ostfriesland, welches für manchen Hochdeutschen doch schwer zu verstehen sein wird:



    Eure Meinung zur Verständlichkeit/Sprachstatus des Plattdeutschen?

  • Plattdeutsch verstehe ich so ca. zu 80 %, wenn nicht zu schnell gesprochen wird. Allerdings spreche ich auch Englisch und da gibt es viele Gemeinsamkeiten (vertellen > to tell, woter > water usw.), die das Verstehen erleichtern. Die Texte im ersten Video, das Ehepaar und die Band, konnte ich gut verstehen, beim zweiten Video mit dem ostfriesischen Platt hatte ich allerdings Schwierigkeiten, habe bestenfalls 50 % verstehen können.

    »Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird« (M. Walser)

  • Ergänzend sei noch gesagt, dass Englisch seine Wurzeln in Norddeutschland hat. Denn im 5. Jahrhundert gingen die germanischen Stämme der Angeln und der Sachsen nach Großbritannien. Einige dieser Leute blieben aber in Norddeutschland. Die Sprache auf den Inseln wird von nun an Altenglisch genannt. Die Sprache auf dem Festland Altsächsisch. Somit ist Altsächsisch (hat nichts mit dem heutigen sächsischen Dialekt in Sachsen zu tun, sondern ist Altplattdeutsch) der Vorfahre des heutigen Plattdeutschen ("Niedersächsischen") und der Bruder des Altenglischen, daher die relative Ähnlichkeit der beiden Sprachen - zumindest noch im Schriftbild. Die Aussprache des Englischen hat sich teilweise doch sehr geändert - u. a. durch die Tudor-Vokalverschiebung. Aber auch das Plattdeutsche veränderte sich.

  • Doch, eine aus eigenem Erfahren:
    Vor einigen Jahren wurde ich von meinem damaligen Chef zum Einfahren einer Atemschutzmasken-Fertigungsmaschine nach Süd Afrika geschickt. Dort hatte ich es im Wesentlichen mit Südafrikanern englischer Sprache zu tun, aber eben auch Sprechern von Afrikaans, was ja eigentlich im Wesentlichen eine Abart des Niederländischen mit einigen afrikanischen Lehnworten ist, für die es eben im Niederländischen keine Begriffe gab.


    Ich konnte mich auch mit diesen Leuten recht gut verständigen, indem ich einfach auf Platt auswich, während mein Gegenüber dann beim Afrikaans blieb, mir nur total unverständliche Worte umschrieb. Auch komme ich mir richtigem Niederländisch recht gut klar, und ich habe oft das Gefühl, alsob hier das Niederdeutsche quasi eine Brücke zwischen Deutsch und dem mehr vom Friesischen beeinflusste Niederländisch darstellt, wobei die Nähe eben auch von der geografischen Nähe abhängt.

  • Hängt man den Sprachstatus von der im 7. Jahrhundert beginnenden 2. Lautverschiebung (hochdeutsche Lautverschiebung) ab, die viele germanische Dialekte in Deutschland von anderen Dialekten unterscheidet (z. B. p wird zu f - aus ship wird shiff - heute: Schiff), so ist Plattdeutsch eine eigene germanische Sprache.

    Das ist kein geeignetes Kriterium. Jiddisch etwa hat die hochdeutsche Lautverschiebung ebensosehr durchgeführt wie Hochdeutsch, aber der Status des Jiddischen als einer eigenen Sprache ist unbestritten.


    Wie gut versteht ein Hochdeutschsprecher der in keiner plattdeutschen Gegend aufwuchs, und der am Besten auch kein Englisch kann, Plattdeutsch?

    Ich verstehe bei dem Beispiel aus dem Rheiderland praktisch gar nichts (es klingt für mich nach Niederländisch, doch das verstehe ich auch nicht). Das ist aber auch kein geeignetes Kriterium – jedenfalls nicht in der deutschen Dialektologie. Man kann durchaus auch Sprachbeispiele aus abgelegenen Bergtälern finden, die ebenso unverständlich sind.


    Zumal das Plattdeutsche sehr viele Dialekte hat.

    Das gilt für jeden deutschen Dialektraum.

  • Zwei Kriterien können herangezogen werden:


    Wie steht es um den Sprachgebrauch in Institutionen? Schule, Parlamente, Medien usw. Wenn es mir recht ist, so gibt es zwar vereinzelten mündlichen Gebrauch von Niederdeutsch, doch der beschränkt sich auf Spezialsitzungen oder -sendungen, erfolgt also nur ausnahmsweise. Hier zeigt sich ein klarer Unterschied zum Mittelniederdeutschen, das unhinterfragte normale Sprache in allen Institutionen war. Und im Hinblick auf die Institutionen hätte heutzutage das Schweizerdeutsche noch eher einen eigensprachlichen Charakter als das Niederdeutsche, denn es ist die normale gesprochene Sprache in vielen Institutionen der Deutschschweiz – nicht nur in speziellen Dialektsitzungen oder -sendungen.


    Gibt es eine Ausstrahlung auf Nachbardialekte? Auch hier zeigt sich ein klarer Unterschied zum Mittelniederdeutschen, das einen großen Einfluss auf die skandinavischen Sprachen ausgeübt hat. Heutzutage besteht etwa im Fall des Luxemburgischen eine Ausstrahlung auf Nachbardialekte. Dies kann als Indiz für eine erfolgreiche Standardisierung gelten, was wiederum auf einen eigensprachlichen Charakter hindeutet.


    Mit den Kriterien von Institutionalisiertheit und Ausstrahlung lässt es sich auch erfassen, dass etwa die skandinavischen Sprachen auch wirklich unterschiedliche Sprachen sind. Dem wäre nicht so bei den Kriterien von Lautverschiebung und Verständlichkeit. Die Kriterien von Institutionalisiertheit und Ausstrahlung erfassen also den gewöhnlichen Gebrauch des Worts Sprache besser als die Kriterien von Lautverschiebung und Verständlichkeit.

  • Die erste Frage, die ich mir hierzu stelle ist:
    Will man feststellen, ob es eine Sprache ist anhand von Kriterien, die für anerkannte Sprachen zutreffen, um Zweifelsfälle zu klären oder will man Kriterien aufstellen und damit bisherige Dialekte zu Sprachen erheben und vielleicht Sprachen zu Dialekten degradieren.
    Da es kein neues Thema ist, sondern sich eine Gebräuchlichkeit feststellen läßt bin ich eher für erstes.
    Am Beispiel Schweizerdeutsch ist zu sagen, daß es als Dialekt der deutschen Sprache angesehen wird. Daher benötigt man ein weiteres Kriterium. Die Schriftlichkeit. Man kann Schweizerdeutsch zwar verschriftlichen (wie jeden Dialekt), aber es herrscht doch die Schreibung der Hochsprache (auch in Institutionen) weitaus vor. Daher ist es keine eigene Sprache.
    Wahrscheinlich gibt es da noch weitere zu beachtende Kriterien zu denen von Austelitz und meinem.
    Wenn dann alle (oder viele?) Kriterien zutreffen, ist es eine eigene Sprache.


    Wie ist den in der Linguistik/Germanistik die Definition?

  • In der Germanistik betont man zuerst immer, dass man sich nicht festlegen will. Aber man verwendet Kriterien etwa so, wie ich sie aufgeführt habe.


    Was übrigens die Verständlichkeit angeht, so nimmt es mich wunder, wie sehr denn Beispiele wie die folgenden für euch verständlich sind:



  • austerlitz : Wenn ich Sie richtig verstehe, würden Sie beim Mittelniederdeutschen dazu tendieren, dass es sich eher um eine eigenständige Sprache handelt, während es beim Neuniederdeutschen eher nicht der Fall ist? Dieser Auffasung kann ich nicht ganz folgen, da man damit dem Neuniederdeutschen Unrecht tun würde - nur weil es einfach weniger gebraucht wird. Das das Mittelniederdeutsche auf andere Sprache ausstrahlte, haben Sie ja bereits dargelegt.


    Zur Standardisierung des Niederdeutschen: Nun, es gibt immerhin eine einheitliche Rechtschreibempfehlung - nach dem Sass-Buch (quasi der Duden des Plattdeutschen). Und zur Zeit der Hanse im Zeitalter der Renaissance war Niederdeutsche die Hauptverkehrssprache im Ostseeraum und damals auch bedeutende Schriftsprache. Zum institutionellen Gebrauch in der heutigen Zeit: Zumindest in Ostfriesland ist das Plattdeutsche noch sehr lebendig. Es ist immer schön für mich anzusehen, wenn ich dort mal wieder auf einem Familientreffen bin, und selbst junge Mädels selbstverständlich Platt snacken. Ich selber wohne nicht direkt in Ostfriesland, hier ist die Situation bereits anders. So kann ich mir durchaus vorstellen, dass in Rathäusern in Ostfriesland durchaus auch Platt gesprochen wird. Man ist hier vor wenigen Jahren dazu übergegangen, die Ortsschilder zweisprachig zu gestalten, was ich sehr löblich finde. Vor kurzem sorgte ein großes Straßenbauarbeiterschild auf Platt mit einer offiziellen Bekanntmachung zum Ausbau einer Straße für große Begeisterung und Verbreitung auf Facebook. Und wenn man Patente beim Bundespatentamt in München anmelden will, wird Platt als Fremdsprache behandelt und es wird eine hochdeutsche Übersetzung verlangt.


    Zu Ihren Videos (Schweizerdeutsch?): Hier habe ich große Schwierigkeiten alles zu verstehen. Insbesondere beim ersten Video. Hier gebe ich Ihnen Recht, dass Verständlichkeit alleine, kein ausreichendes Kriterium zur Abgrenzung ist.


    Luxemburgisch gilt meines Wissens nach aber als hochdeutscher Dialekt.


    Was mir gerade einfällt: Wenn ich altsächsische (altniederdeutsche) Texte mit althochdeutschen Texte vergleiche, ist der Unterschied kaum anders, als Neuhochdeutsch zu Neuniederdeutsch. Und zumindest bei diesen beiden Beispielen grenzt die Sprachforschung das Altsächsische vom Althochdeutschen (mit seinen eigenen Dialekten) durch die fehlende zweite Lautverschiebung ab.


    Ich glaube, ich komme selber zu dem Schluss, dass es sich beim Plattdeutschen um eine scheindialektisierte Abstandsprache handelt. (Wg. der teilweise doch vorhandenen Verständlichkeit. Abstandsprache lt. Wikipedia: Bezeichnet man eine Sprachvarietät, die so verschieden von jeder anderen Sprachvarietät ist, dass sie unmöglich als Dialekt irgendeiner anderen Varietät aufgefasst werden kann.)

  • austerlitz : Wenn ich Sie richtig verstehe, würden Sie beim Mittelniederdeutschen dazu tendieren, dass es sich eher um eine eigenständige Sprache handelt, während es beim Neuniederdeutschen eher nicht der Fall ist? Dieser Auffasung kann ich nicht ganz folgen, da man damit dem Neuniederdeutschen Unrecht tun würde - nur weil es einfach weniger gebraucht wird.

    Es geht mir nicht darum, irgendjemandem Recht oder Unrecht zu tun. Ich möchte bloß die Situation so beschreiben, wie sie ist. Und da sehe ich eben fürs heutige Niederdeutsche die Kriterien, die auf eine Eigensprachlichkeite hindeuten, viel weniger erfüllt als fürs Mittelniederdeutsche. Es ist doch keine Herabsetzung, wenn das Niederdeutsche nicht als eine eigene Sprache, sondern als ein Dialekt bezeichnet wird. Im Gegenteil, mir gefällt ein reicher Dialekt, der zu einer großen Literatursprache gehört, besser als eine arme Sprache, die kaum jemand spricht.


    Zur Standardisierung des Niederdeutschen: Nun, es gibt immerhin eine einheitliche Rechtschreibempfehlung - nach dem Sass-Buch (quasi der Duden des Plattdeutschen).

    Das bezweifle ich. Laut dem Wikipedia-Artikel zur niederdeutschen Sprache gelte die Sass’sche Schreibung am ehesten für die nordniedersächsischen Dialekte, während sie für die westfälischen Dialekte wenig geeignet sei und auch im Mecklenburg-Vorpommern andere Konventionen bestünden. Unerwähnt bleibt, dass auch die Dialekte in den Niederlanden eine andersartige Schreibung verwenden, die – es ist keine große Überraschung – sich nicht ans Hochdeutsche anlehnt, sondern ans Niederländische. Der Streit über die Schreibung hat übrigens dazu geführt, dass sich die Niederdeutsche Wikipedia in eine deutsch-niederdeutsche und eine niederländische Wikipedia gespalten hat.


    So kann ich mir durchaus vorstellen, dass in Rathäusern in Ostfriesland durchaus auch Platt gesprochen wird.

    Auch in den Städten? Auch auf Landesebene? Wie wird man begrüßt, wenn man einen Laden betritt? Oder ein Krankenhaus? Wechseln Lehrerinnen und Lehrer auf Plattdeutsch, sobald es nicht mehr um die Vermittlung von Lehrinhalten geht? Ich gestehe bereitwillig ein, dass ich die Antworten nicht weiß, aber mein Eindruck ist eben der, dass in solcher Hinsicht das Niederdeutsche nur selten verwendet wird und eher in abgelegenen, ländlichen Gebieten.


    Zu Ihren Videos (Schweizerdeutsch?): Hier habe ich große Schwierigkeiten alles zu verstehen. Insbesondere beim ersten Video.

    So was aber auch – dabei habe ich extra ein Video ausgesucht, wo eine moderne, urbane Sprache verwendet wird.


    Luxemburgisch gilt meines Wissens nach aber als hochdeutscher Dialekt.

    Die Meinungen sind verschieden. Es zeichnen sich jedenfalls Tendenzen zu einer zunehmenden Eigensprachlichkeit ab – Verwendung in Institutionen, inklusive Rechtschreibung, Ausstrahlung auf benachbarte Gebiete.


    Was mir gerade einfällt: Wenn ich altsächsische (altniederdeutsche) Texte mit althochdeutschen Texte vergleiche, ist der Unterschied kaum anders, als Neuhochdeutsch zu Neuniederdeutsch. Und zumindest bei diesen beiden Beispielen grenzt die Sprachforschung das Altsächsische vom Althochdeutschen (mit seinen eigenen Dialekten) durch die fehlende zweite Lautverschiebung ab.

    Da würde man aber eher argumentieren, dass es sowieso nur Dialekte gab. Wenn überhaupt eine bestimmte Varietät als überregionale Sprache sich hervortat – so wie später das Mittelniederdeutsche oder heute das Hochdeutsche –, dann allenfalls vielleicht das Fränkische unter Karl dem Großen, doch davon ist kaum etwas überliefert.


    Abstandsprache lt. Wikipedia: Bezeichnet man eine Sprachvarietät, die so verschieden von jeder anderen Sprachvarietät ist, dass sie unmöglich als Dialekt irgendeiner anderen Varietät aufgefasst werden kann.

    Von unbestrittenen Abstandsprachen kann man aber nur bei nicht direkt verwandten Varietäten sprechen, etwa Baskisch im Bezug auf Spanisch, Sorbisch im Bezug auf Deutsch oder den eingeborenen Sprachen Nordamerikas in Bezug auf das Englische. Bei enger Verwandtschaft hingegen greift das Kriterium der Abstandsprache nicht richtig. Darum hält man sich dabei besser an das Kriterium der Ausbausprache (das ich oben als Institutionalisiertheit und Ausstrahlung paraphrasiert habe), wonach etwa die Unterscheidung zwischen Deutsch und Niederländisch oder zwischen den skandinavischen Sprachen gezogen wird.