Wangerooger Friesisch

  • Kürzlich entdeckte ich das Wangerooger Friesisch. Leider ist der letzte Muttersprachler 1950 in Varel (Kleinstadt am Jadebusen - Niedersachsen) verstorben. Andere Friesische Mundarten gibt es derzeit noch in der Gemeinde Saterland (Saterfriesisch, lt. einigen Angaben Europas kleinste Sprachinsel - ca. 2500 Sprecher), in Schleswig-Holstein (Nordfriesisch) und in den Niederlanden (Westfriesisch). Das Wangerooger Friesisch gehörte mit dem Saterfriesischen zum Rest der Ostfriesischen Sprache. Friesisch ist nicht Plattdeutsch! Gehört aber mit Plattdeutsch und Englisch zu den Nordseegermanischen Sprachen.


    Das Besondere am Wangerooger Friesisch ist der dentale Frikativ, der germanische th-Laut, der nur noch im Englischen, Isländischen und halt im Wangerooger Friesisch erhalten blieb, und sonst zu d oder t wurde. Außerdem erhielten sich teilweise noch starke Endsilben z. B. "Wüku" - Woche (siehe Althochdeutsch, oder Altfriesisch). 1854 verwüstete eine schwere Sturmflut Wangerooge. Daraufhin wurde die Insel zur Hälfte evakuiert. Die eine Hälfte wurde nach Varel umgesiedelt. Die Straße Neu-Wangerooge am Hafen erinnert noch heute daran. Somit wurde die Sprechergemeinschaft (eh nur ein paar hundert Menschen) getrennt, welches für das Überleben dieser urtümlichen Sprache das Verhängnis war. 1930 starb der letzte Sprecher auf Wangerooge. 1950 in Varel. Der jeversche Jurist und Laien-Sprachforscher Heinrich Georg Ehrentraut veröffentlichte 1849 in Oldenburg die Zeitschrift Friesisches Archiv. Seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass diese seltene Sprache so gut überliefert ist. Zu Lebzeiten wurde seine Leidenschaft leider eher belächelt. Ich bestellte mir einen Nachdruck seiner Zeitschrift Teil 1 (eher ein Buch - 516 Seiten). Alte Originale kosten auf Amazon 380 Euro. Mein Nachdruck ist für 48 € zu erwerben. Da das Original 1849 erschien, ist das Original und auch mein Nachdruck komplett in Fraktur gedruckt (mit Ausnahme der friesischen Vokabeln, wie damals üblich, wurden Fremdsprachen in Antiqua wiedergegeben), sowie in der des 19. Jahrhundert üblichen Rechtschreibung. Das Tolle dank des Internets: Es gibt legendäre Sprachaufnahmen des Wangerooger Friesischen, welche ich nachfolgend aufführe. Mein Wunsch: Die Wiederbelebung dieser Sprache, wie es in Groß-Britannien mit dem Manx, der keltischen Sprache auf der Isle of Man die 1974 ausstarb, auch inzwischen wieder gelang.


    Original-Aufnahme 1927 (Text: http://www.ekfrysk.host22.com/Wang.htm ) http://www.ekfrysk.host22.com/Oopel1.mp3



    Verbesserte, nachgesprochene neuzeitliche Aufnahme: http://www.ekfrysk.host22.com/Oopel1pk.mp3



    Eine weitere wichtige Tonaufnahme des wunderbaren Schallarchivs der Uni Halle: http://www.schallarchiv.uni-halle.de/phonetik.html

  • Interessanter Beitrag, den du da verfasst hast. Ich selbst habe vom Wangerooger Friesisch noch nie etwas gehört; finde aber generell,
    daß die Dialekte jeder Art erhalten werden sollten/müssen.
    Mein ganz persönlicher Eindruck ist auch eher der, dass man mit "Schriftdeutsch" besser ankommt. Mit Dialekt gilt man teils doch als "hinterwäldlerisch" - leider.


    Daher nochmals: toller, lesens- und hörenswerter Beitrag.

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  • Lebendig lebt noch das Friesische auf Helgoland, Halunder. Halunder wird von knapp einem Drittel der Inselbewohner gesprochen, wird in der Schule unterrichtet und ist Amtssprache. Öffentliche Schilder sind zweisprachig, es gibt sogar ein Wörterbuch im Internet (http://helgolaendisch.de).

  • Sehr geehrter Schattenlaeufer!
    Als ehemaliger Ossi durfte ich ein schönes Jahr in Friesland leben und arbeiten. Die Frage nach dem "richtigen" Dialekt wurde von den "Eingeborenen" vehement geführt. Das Saterländisch spielte dabei eine Rolle unter vielen. Von Dorf zu Dorf unterschiedlich! War eine gute Zeit-Gott schütze Friesland und seine Dialekte!

  • Wie? Es ist schade, das die letzten Sprecher erst 1950 starben? Wäre ein früheres Ableben besser gewesen?


    Mir ist schon klar, was du eigentlich meinst, wollte nur auf die Zweideutigkeit deines Satzbaus aufmerksam machen.

  • Hallo Schattenlaeufer,

    Ich wollte fragen, ob Du noch am Wangerooger Friesisch arbeitest. Ich habe großes Interesse diese Sprache zu lernen. Falls Du noch Interesse hast, wäre ja vielleicht eine Zusammenarbeit möglich. Mfg

  • Hallo Brantgaard. Also "Arbeiten" wäre zuviel gesagt. Ich besorgte mir ein Buch über Wangerooger Friesisch und schlug vieles im Internet nach. Leider gibt es kaum weitere Nachschlagewerke dazu zu erwerben. Daher besorgte ich mir lieber Bücher über Saterfriesisch. Saterfriesisch gehört wie Wangerooger Friesisch zum ostfriesischen Zweig und hat immerhin noch ca. 2000 Sprecher, während das Friesische in den Niederlanden zum Westfriesischen gehört und die friesischen Sprachen in Schleswig-Holstein gehören zum Nordfriesischen. Alle drei Gruppen Westfriesisch, Ostfriesisch, Nordfriesisch sind untereinander kaum noch verständlich. Da Saterfriesisch mit Wangerooger Friesisch zum Ostfriesischen gehört, dürften beide Sprachen einigermaßen miteinander verständlich sein, soweit jedenfalls mein Eindruck. In einem meiner Bücher werden diese beiden Dialekte gegenübergestellt. Es sind große Ähnlichkeiten durchaus erkennbar. Das Saterfriesische besitzt leider kein th-Laut mehr (ich vermute jedoch, dass es das bis zum 19. jahrhundert vielleicht noch vereinzelt gab). Aber von den Wortstämmen her, ist Saterfriesisch ebenfalls eine sehr urtümliche Sprache und sicherlich von allen noch gesprochenen Dialekten die Urtümlichste. Ähnlichkeien mit dem Altfriesischen sind erkennbar.


    Glücklicherweise gibt es vom Saterfriesischen ein Lehrbuch mit DVD im Sambuccus-Verlag zu bestellen. Im Netz findet man ein Online-Wörterbuch dazu, und auf Amazon gibt es Wörterbücher von Marron C. Fort oder Volksleben- oder Märchenbücher von Gretchen Grosser. Insgesamt ist das Material aber auch zu dieser Sprache noch viel zu dürftig. Man muss bedenken, Saterfriesisch ist für einen Hochdeutschsprecher mindestens so schwer zu verstehen, wie Niederländisch (also schwieriger als Niederdeutsch). Somit eine echte Fremdsprache auf deutschem Boden, wenn auch verwandt mit dem Deutschen (und Englisch).