Hilfe mit einer Schrift aus Hamburg, 1634

  • Liebe alle,


    zuerst einmal möchte ich mich in ein paar Worten vorstellen: Ich komme aus NRW und studiere dort Musik. Aufgrund meines Studienfaches (ich studiere Laute) habe ich recht häufig mit historischen Quellen zu tun - vornehmlich aus den Jahren 1500 bis 1750. Im Moment bin ich dabei, eine neu gesetzte Notenausgabe einer Liedsammlung von Thomas Selle, Hamburg 1634, vorzubereiten (erschienen bei Jacob Rebenlein). Bei der Beschäftigung mit dem Liedtext haben sich mir ein paar Fragen aufgedrängt, die ich alleine nicht in der Lage bin zu lösen:


    1. Manchmal steht über Buchstaben ein waagerechter Strich. Oft ist das bei "und" dem Fall, das als "un" mit einem Strich über dem "n" geschrieben wird, aber er findet sich auch z.B. bei "liebsten" ("Der liebstē wänglein"), "durchschossen [...] mit scharffē Pfeil", "den dadurch" mit Strich auf dem "n" von "den" und auch bei manchen lateinischen Vokalen ("O Venus gratiōs"),
    Was ist die Bedeutung des Striches? Und wie transkribiere ich das am besten in "moderne" Schrift? Beim Lateinischen vermute ich, dass es nur Längenstriche sind, die ich einfach so übernehmen kann.


    2. Auch tauchen in meiner Quelle ab und zu andere Abkürzungen auf, z.B. "sodn" stat "sodann", oder "dz" statt "das" oder "wirstu" statt "wirst du". Letzteres liegt aber, vermute ich, mit dem Liedtext und der Silbenverteilung zusammen.


    3. Als Bonusaufgabe: Kann jemand evtl. die Schrift indentifizieren? Hier ist ein Beispiel:



    Dort ist u.a. auch das abgekürzte "das" zu erkennen (Ende 2. Zeile, 2. Strophe) oder das "n" mit Strich (3. Zeile, Mitte, 1. Strophe "ich brin" (= "brenne"))


    Vielen Dank für Eure Hilfe! :-)
    Yuval

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  • Hallo Yuval,



    1. Zur Überstreichung von Buchstaben: In moderneren Zeiten deutet man diesen Strich, der zu den Abbreviaturen zählt als Geminationsstrich, also ein Verdopplungsstrich, der nur über n und m vorkommt. In der Zeit mit der Du Dich befaßt ist er das nicht. Es handelt sich bei diesem Strich um eine Kennzeichnung, daß ein Buchstabe nicht geschrieben ist, aber gesprochen wird, meist hinter dem Buchstaben über dem sich der Strich befindet, seltener davor. In den meisten Fällen ist das ein n (gelegentlich auch ein m). Auch andere Buchstaben oder sogar mehrere Buchstaben kann das betreffen.
    Ein Beispiel aus heutiger Zeit wäre Abk. oder Abkürzg. In beiden Fällen ist das Wort "Abkürzung", und es sind Buchstaben nicht da, die aber gesprochen werden. Hier kennzecihnet der Punkt die Abbreviatur.
    Eine Übertragung wäre möglich "briñ [brinn]", da das Zeichen oft als Tilde gedeutet wird. Ich sehe das nicht so. Richtiger wäre "brin̅ [brinn]", die Darstellung in diesem Forum ist nicht ganz optimal, in der Textverarbeitung sitzt der Strich über dem n.



    2. Diese Frage betrifft die Sprachwissenschaft. Wir haben erst seit 1901 eine allgemeinverbindliche Rechtschreibung. Vorher gab es Landesrechtschreibungen, je nachdem wo man wohnte, zu der Zeit mit der Du Dich befaßt allenfalls Rechtschreibvorbilder und Richtlinien. Daher können in die Schreibung mundartliche Schreibungen eingeflossen sein, geschrieben wie gesprochen u.Ä. Frag mal jemanden, der sich mit Frühneuhochdeutsch auskennt.




    3. Das ist eine Schwabacher Schrift, welche kann ich aber nicht sagen, ich bezweifle, daß sie einen eigenen Namen hatte. Heute bezeichnet man einige Schriften dieser Form (die sich nur im Detail unterscheiden) als Alte Schwabacher.



    Beste Grüße, Franz.

  • Lieber Franz,


    vielen Dank für die ausführliche Antwort! Ich bin echt fassungslos, wie viel ich noch nicht weiß.... :-)


    Kannst Du mir noch kurz schreiben, wie ich so ein schönes "n̄" selber eingeben kann? Für das kritische Verzeichnis wäre das ziemlich nützlich! Abgesehen davon sind jetzt, glaube ich, alle meine Fragen erst einmal geklärt....


    Viele Grüße
    Yuval

  • Das Zeichen läßt sich in Windows erzeugen, indem man nach der Eingabe des Buchstabens die Tastenkombination Alt 0773 drückt. In dem Fall ist es ein längerer Überstrich. Es gibt auch noch kurze, aber einer sollte genügen.
    Oft wird die Tilde, der Nasalstrich verwendet, das ist m.A. aber in den meisten Fällen falsch, bzw. gibt den Sachverhalt ungenau wieder.

  • Das Zeichen läßt sich in Windows erzeugen, indem man nach der Eingabe des Buchstabens die Tastenkombination Alt 0773 drückt. In dem Fall ist es ein längerer Überstrich. Es gibt auch noch kurze, aber einer sollte genügen.

    Es will bei mir (zumindestens in Open Office mit Times New Roman) nicht funktionieren :-( muss ich noch irgend etwas an den Einstellungen ändern?


    Und dann schau dir hier mal die Schwabacher an:


    http://www.alterlittera.com/al_htm/oldtype.htm


    und eventuell auch meine hier: http://www.peter-wiegel.de/Schwaben.html
    (Die UNZ1-Fassung enthält auch die überstrichenen m und n.

    Super, vielen Dank! Die sehen echt toll aus! Aber ich denke, für mein kritisches Verzeichnis ist eine "moderne" Schrift besser, damit die Änderungen und Fehler auch diejenigen nachvollziehen können, die nicht so geübt sind im Lesen von Frakturen.

  • Da mußt Du auf "Einfügen" und "Sonderzeichen" gehen und Dir entweder einen fertigen überstrichenen Buchstaben raussuchen oder einen einfachen Überstrich. Mit Open Office kenne ich mich nicht so aus, in Word funktioniert das einwandfrei.

  • Kopieren hat problemlos geklappt. Aber es selber einzugeben (Sowohl "m" - Alt + 0175 bzw. andersherum) funktioniert leider nach wie vor nicht - übrigens auch in anderen Programmen wie z.B. Firefox. Der Überstrich landet immer nach bzw. vor dem Buchstaben und nie darüber :-( und mit Alt + 0773 passiert gar nichts.

  • Ich weiß, aber es passiert trotzdem nichts. Und die "num"-Taste ist aktiviert. Alt + 0175 funktioniert ja z.B. problemlos (abgesehen davon, dass der Strich neben dem Buchstaben landet).

  • Gibt es für die Verwendung des Verdoppelungsstrichs feste Regeln oder hing es vom verfügbaren Platz ab, ob der Buchstabe nur einfach mit Verdoppelungszeichen oder doppelt geschrieben wurde?

  • Ich würde sagen, dass der in der Kurrent-Handschrift wohl obligatorisch war, denn hier diente das eindeutig der Lesbarkeit, da besonders mm zu einer fast endlosen Sägezahnlinie führt, im Fraktursatz hingegen habe ich das nur äußerst selten gesehen, und zwar immer dann, wenn dies für den Setzer die letzte Möglichkeit war aus der Zeile noch ein wenig Platz heraus zu kitzeln.

  • Zum Abkürzungszeichen haben ja bereits mehrere geschrieben.

    Je weiter man in der Zeit zurück geht, umso uneinheitlicher wird die Typographie und Orthographie. Im 16. Jahrhundert findet man oft in ein und demselben Buch verschiedene Formen von Umlauten. Das können Kringel, zwei Schrägstriche, ein Querstrich, ein kleines e oder zwei Punkte über a, o, u sein. Möglicherweise hatten die Unterschiede eine Bedeutung. Typischerweise wird z. B. auch "und" in vielen Variationen oftmals sogar auf der selben geschrieben: vnd, unnd, unn. Auch auf dem Notenblatt wird v statt u (am Wortbeginn?) verwendet.

    Die verwendete Schrift ist eine Schwabacher (gut erkennbar an den Grossbuchstaben) und der weit verbreiteten digitalisierten "Alte Schwabacher" sehr ähnlich. Kleine Unterschiede sehe ich bei v, d. Damals hat man verschiedenen Grössen einer Schrift auch unterschiedlich geschnitten, d. h. die kleineren einfacher. Die digitalisierten Fonts sind leider von modernen Nachschnitten ausgegangen, die durch den Maschinensatz notwendig wurden. Dadurch ist z. B. bei der Breitkopf-Fraktur der mittlere Balken ganz einfach gegenüber der originalen Handsatzschrift verbreitert worden.

    Bei der Transskrition muss man sich halt entscheiden zwischen möglichst originalgetreu (sehr aufwendig) oder nur inhaltlicher Rekonstruktion mit modernem Schriftbild, heutiger Rechtschreibung und Notensatz.

  • Nun ja, der Umgang mit den Glyphen u und v, so wie wir sie heute verwenden, hat sich über mehrere Jahrhunderte recht langsam herausgebildet.


    Zu Dürers Zeiten war u und v noch eine stellungsabhängige allographe Form sowohl für den Vokal |u|, wie auch für den Konsonanten |v| in heutiger Anwendung, und in etwa ähnlich gesetzt wie s und ſ, nur das v eben am Woretanfang und nach einer Graphemfuge gesetzt wurde, während u die Glyphe für innen im Word.


    So findet man dann eben z.B. "unvernunft" dann wie "vnnuernunft" geschrieben.


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    Was jetzt die Sache mit den verschiedenen Entwurfsgrößen der Schrift, also kleinere Schriftzeichen vereinfacht anbelangt, und das moderne Fonts eher von den größeren Entwurfsgrößen ausgehen, ist eigentlich den noch immer nicht ganz überwundenen Einschränkungen der Computerfonts geschuldet. Es ist einfach nicht möglich, verschiedene Versionen einer Schriftart für verschiedene Ausgabegrößen zu installieren, dass dann die verschiedenen Entwurfsgrößen automatisch passend zur Schriftgröße gewählt werden.